Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829931-2832613--46242-2832686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
177 Loser Weise zu begründen, bringt Ingenieros dadurch zustande, daß er einen Reiz, d. h. eine durch energetische Ursachen bewirkte Gleichgewichtsstörung dann als bewußt bezeichnet, wenn er vom Subjekt erkannt wird. Er ist dann bewußt, wenn er mit der früheren Erfahrung in Beziehung stehende Reaktionen bewirkt. — Ich bin überhaupt nur deshalb auf die Begründung der Bewußtseinsphänomene bei Ingenieros eingegangen, weil bei ihm eine völlige Kontinuität im Gesamtgebiet des Erfahrbaren gelehrt wird und deshalb die Entstehung der objektiv organischen Phänomene und des Seelenlebens in innigem Konnex stehen. Vor allem aber fällt ein Licht auf den Wissenschaft• liehen Wert der Theorie einer Biogenese, wenn die allen in die Augen springende Unzulänglichkeit der Psychogenese klargestellt wird. Man hat doch wahrich kaum definiert, geschweige denn erklärt, wenn man vom Bewußtsein dort spricht, wo ein Reiz vom Subjekt empfunden wird; das ist doch weiter nur ein subjektives Kriterium, nie und nimmer auch nur eine Andeutung einer Herleitung des bewußten Phänomene aus materieller Konstellation. Die wissenschaftliche Psychologie und kritische Philosophie (die Ingenieros überwinden will) kennt die Unmöglichkeit einer solchen Herleitung und — verzichtet deshalb auf sie. Nicht viel anders steht es mit dem Wert der Erklärungsversuche des Lebens. Kolloidbeschaffenheit der Materie und Assimilation sind Charakteristika bezw. Bedingungen von lebender Materie und Leben, aber zeigen keinen Weg zum Verständnis der Entstehung des Lebens und klären nicht alle (wohl manche) biologischen Phänomene. Bei Ingenieros, der im übrigen sehr viel Gutes zur Psychologie bringt (insbesondere zu den psychologischen Methoden), erweist sich besonders deutlich die Gefahr des Nivellierens so ungleicher Gebiete und der Ablehnung von Qualitätsunterschieden bezw. Elementarfaktoren. Seine Kontinuitätslehre alles Seienden ist nicht aus der speziellen Forschung als Ergebnis gewonnen, sondern eine petitio principii. Mit knappen Worten soll hier des Urzeugungs problems (generatio aequivoca) gedacht werden1. Nach dem Voraus gegangenen bejaht Ingenieros durchaus die einstige Entstehung des Lebens. Viele Mechanisten stimmen ihm zu. Wundt2 glaubt, jene Zeit, in der sich riesige Kohlenwasserstoff- und Kohlenstickstoffverbindungen gebildet hatten und bei sinkender Temperatur die Affinität des Sauerstoffs wirksam zu werden begann, als den möglichen Zeitpunkt der ersten Entstehung belebter Materie ansehen zu können. Andere Bedingungen hätten damals Lebewesen entstehen lassen. Dagegen wendet sich Reinke3 scharf. Urzeugung muß man wohl annehmen, sie aber aus dem unbelebten Stoff allein erklären zu wollen, ,,ist Ausgeburt einer über alle bekannten physiko-chemischen Tatsachen sich hinwegsetzenden Phantasie“. Nur durch ein Wunder könne man die Urzeugung erfolgt denken. Damit aber habe man die physische Sphäre verlassen und die metaphysische betreten. — Vermutlich trifft Driesch4 das Richtige, wenn er dieses Problem zu den unlösbaren stellt und die Auffindung der Gesetze des Lebens, wie es sich uns darbietet, als bedeutsamer bezeichnet. Ohne sie kann man wohl kaum hoffen, die Frage, ob das Leben ewig oder entstanden ist, zu entscheiden. Denn unsere unmittelbare Erfahrung lehrt uns die Kontinuität des Lebens, und dem Zufall die Entstehung des Organischen zu überantworten, lehnt Driesch noch energischer als Reinke ab, weil nicht materielle Konstellationen die Entelechie (den vitalen Faktor) schaffen, sondern diese jene beherrscht• Zwischen dem Problem der Urzeugung und dem der Gesetzlichkeit des Lebens steht als verbindendes das der Abstammung oder Deszendenz. Freilich hat es seine Eigenart: obgleich als Brücke zwischen den (hypothetisch[) ersten Lebewesen und den gegenwärtigen weit verzweigten gedacht, ist die Deszendenztheorie ein Problem höherer Ordnung, weil sie U e b e r persön- 1 Vgl. Wolfsberg, Jeschurun IV, 612—633, insbesondere 621 ff. 2 Nef, Wundts Philosophie, S. 125. 3 Naturw., Weltanschauung, Religion, S. 69—72. 4 Phil. d. Organ. 516—518. Monatsschrift, 69. Jahrgang. 12