Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
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176 nur als Naturtrieb se in suo esse conservare (Spinoza) zu verstehen ist“. Den subtilen biologischen und philosophischen Untersuchungen Driesch’s wird alles, was Bauch in seinem Werk bringt, nicht gerecht. Ich erwähne noch B. F i s che rs Schrift ״Vitalismus und Pathologie“1, weil hier ein Mediziner sich ernstlicher als viele Biologen und Philosophen bemüht, in die biotheoretischen und philosophischen Gedankengänge des führenden Vitalisten einzudringen. Hier muß gegen zwei Punkte ein Einwand erhoben werden: Fischer stellt das Vorkommen harmonisch-äquipotentieller Systeme als denknotwendig vitalis tisch in Anlehnung an Schaxelin Abrede; dabei haben S p e m a n n und Herbst die Existenz dieser Systeme zugegeben. Vor allem aber bleibt der aus der Analyse der Handlung zu folgernde Beweis zu Recht bestehen. Der zweite Einwand Fischers greift auf die vorhandenen ateleologischen Vorgänge, ja zweckwidrigen Regenerationen z. B. die Superregenerationen und die vielen zweckwidrigen Vorgänge in der Pathologie zurück. Doch ist man mit der Charakterisierung eines Prozesses als unzweckmäßig oft zu schnell bei der Hand. H.H. Meyer2 machte erst jüngst darauf aufmerksam, daß der sog. anaphylaktische Schock, der als sinnlose biologische Reaktion gewertet wurde, die Ursache sehr starker Immunisation ist. ״Alle (Reaktionen) sind grundsätzlieh zweckmäßig.“ Man sieht, wieweit die Meinungen auseinander gehen. — Wir aber halten daran fest: Nur die positiven Beweise nötigen zur Anerkennung des Vitalismus, unzweckmäßige Vorgänge würden höchstens geeignet sein, die Grenzen der Teleologie zu bezeichnen. Die Entelechie ist nicht allmächtig und durch ihr Geknüpftsein an die Materie schon beschränkt. Es gibt Denker, die die Streitfrage offen lassen und die Entscheidung künftiger Zeit Vorbehalten wollen; bis dahin müsse man grundsätzlich an der mechanistischen Deutbarkeit festhalten. Ich möchte dem widersprechen. Man muß den Mut haben, eine Theorie anzuerkennen, auch wenn sie unbequem ist. Nötigen ganz eindeutige Fakta gegenwärtig zur Annahme einer vitalistischen Auffassung des Organischen, so hat es keinen Sinn, demgegenüber an dem Ideal des Allmechanismus festzuhalten. Protestiert werden muß aber gegen die stets wiederholte Ansicht der Mechanisten, die Entelechie sei für den Naturphilosophen durchweg ein metaphysischer Begriff. Auch die Vermengung mit Psychischem hat Driesch mit besonderer Deutlichkeit abgelehnt. Unterscheidet ihn doch gerade seine durchaus dem objektiven Natur geschehen zugewandte Betrachtungsweise und die aus ihr abgeleitete vitalis tische Theorie von den nicht wenigen anderen hervorragenden Vitalisten, die man mit Rücksicht auf den Charakter ihres Vitalismus Psychovitalisten nennt (z. B. Pauly, E. Becher, R. H. France)3. Endlich sei noch einem extremen Vertreter des ״summenhaften“ Monismus das Wort gegeben, Ingenieros4, für den sowohl das organische Geschehen wie Seelisches ohne Zuhilfenahme neuer elementarer Faktoren zu deuten sind. Man kann nach ihm die verschiedenen Zustände der Materie (von der anorganischen bis zur lebenden) als eine Entwicklungsreihe von energetischen Kondensationen auffassen, die durch Umwandlung ihrer atomistisch-molekularen Struktur charakterisiert ist. Der kolloidale Zustand und die Assimilation als Funktion sind die bedeutsamsten Kennzeichen der lebenden Materie. Ebenfalls auf der Basis von energetischen Vorgängen wird das Verhältnis: Reiz und Reaktion5 gedeutet, durch die Wiederholung werden weniger widerstandsfähige Bahnen bewirkt, die dann die künftigen Abläufe modifizieren, Erfahrung etc. ermöglichen. Das Kunststück, das Bewußtsein in gleich harm- 1 Springer 1924 (in Roux Vorträge zur Entwicklungsmechanik), Heft XXXIV. 2 Gesetzlichkeit des Lebens, Wien 1924, besonders S. 14—16. Diese schöne Studie des großen Pharmakologen ist außerordentlich fesselnd. Störend wirkt nur der Exkurs ins politische Gebiet; hier wird die Monarchie über demokratische Republik gestellt. Das Ganze beruht auf einer fehlerhaften Analogie zwischen lebendigem Organismus und Staat. 3 Zum Vitalismus bekennt sich auchK. Jellinekin: Das Weltengeheimnis. Trotz großen Fleißes kann man das Werk in seiner seltsamen Mischung von wissenschaftlichen und mystischen Daten nicht als gelungen bezeichnen. 4 Biol. Psychologie, 34—67. 5 Ibid. 68—101.