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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 4 · p. Seite 174

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 4
Article
Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
Date
1925-01-01
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174 nämlich die Frage aufwerfen, welche Typen von Kausalität sind möglich, unabhängig ob sie in der Wirklichkeit realisiert sind. Unter diesem Gesichtspunkt hat Driesch1 vier mögliche Werdetypen als ״ontologische Prototypen“ gelehrt, von denen wir nur zwei in Betracht ziehen wollen. Der erste ist die Einzelheitskausalität, bei der jedes einzelne Werden eines Systems als Werdefolge auf ein einzelnes Werden im selben System als Werdegrund bezogen werden kann. Es findet da keine Erhöhung des Mannigfaltigkeitsgrades statt, oder er läßt sich auf ein anderes Werden im Raum außerhalb des Systems zurückführen. Wir schauen, daß in der Physik dieser Werdetypus realisiert ist. Man kann aber rein denkmäßig noch ein anderes Schema ersinnen, das die Möglichkeit bietet, Vorgänge kausal zu deuten, bei denen in einem Werdeabschnitt eine Erhöhung des Mannigfaltigkeitsgrades zustande kommt, ohne daß ״von außen“ eine entsprechende räumliche Ursache ein wirkt. Solche Erhöhung findet statt beim Uebergang von einem summenhaften Zustand zu einem ganzheitlichen, bei Entstehung von Heterogenem aus Homogenem. Während sich bei mechanischen Prozessen jeweils die Zustände desselben Systems Stück für Stück aufeinander beziehen lassen, gibt es, entsprechend dem rein denkmäßig entwickelten Schema der Ganzheitskausalität, Vorgänge, bei denen die Ordnungsbegriffe Natur, Ding, die Quantitäts- und Qualitätsbegriffe Anderssein und Solchheit nicht ausreichen, sondern ein Begreifen erst durch den Begriff Ganzheit (Sachganzheit) möglich wird. Die Biologie ist ein Gebiet der Natürforschung, wo diese Betrachtung nötig und fruchtbar wird, weil dort nicht nur die Eigenschaften der Teile eines Dinges, sondern das Ganze (über den Summenbegriff hinaus) ein Faktor gleichsam elementarer Art ist, wie das die Prozesse der Regulation erweisen. Es wird gewiß auffalleii, daß in diesen Erörterungen nicht von ״Zweck“ und ״Teleologie“ die Rede ist, auf die sich jeder Vitalist beruft. Driesch aber vermeidet geflissentlich diese Termini, weil sie der Psychologie angehören, und hat statt dessen eben den Ganzheitsbegriff eingeführt2. Andere Autoren verwenden jenen wohl teils im vitalistischen, teils mechanistischen Rahmen. Schon Kant3 hat ausführlich insbesondere in der Kritik der Urteilskraft darüber gehandelt. Bei ihm schon finden wir die Einteilung in subjektive und objektive Zweckmäßigkeit, die in etwas anderer Form bei Wundt4 wiederkehrt. Bei Kant ist zunächst die Klassifizierbarkeit der Phaenomene durch den Verstand Ausdruck subjektiver Teleologie und ebenso die Würdigung von Natur- und Kunstobjekten als schön. Wundt stellt fest, daß jeder Vorgang, je nach dem Ausgangspunkt des Betrachters, kausal oder teleologisch, jenes progressiv, dieses regressiv, aüfgefaßt werden kann. Es ist ihm kein Zweifel, daß die Zweckbetrachtung des Beobachters wertvoll ist, da sie oft Tatbestände begreifen läßt, die kausal noch der Behandlung widerstehen. Wir erblicken ja meist die Wirkungen, die als Ziel imponieren, und zu ihnen suchen wir die Ursachen, die dann als Mittel zur Erreichung erscheinen. Problem der Naturphilosophie aber ist die 0 b j e k t i v e Zweckmäßigkeit, von denen wir nur die materiale behandeln wollen. Kant findet da drei Möglichkeiten: das Aufeinanderabgestimmtsein verschiedener Naturgegenstände aufeinander (Pflanze und Tier). Man könnte nach einem Zweck der gesamten Natur fragen und die Frage damit beantworten, daß die Natur für den sittlichen Menschen da sei. Aber ausschlaggebend und allein hierher gehörig ist ein Drittes: die innere Zweckmäßigkeit, die sich bei Organismen vorfindet. Doch betont Kant mehrfach, daß Teleologie ein reflektierender, d. h. im Gemüt begründeter, nicht aber konstitutiver, im Objekt irgendwie verankerter Begriff sei. Die Furcht, es würde mit der Zweckmäßigkeit Metaphysik hereingetragen Werden, ist nach Ungerer, die Abneigung gegen das Psychologische in dem Zweckbegriff ist nach Driesch die psychologische Grundlage für Kants Schwanken bezw. Ablehnung in Sachen der Teleologie bezw. des Vitalismus. — Dehn — und das haben die wenigsten gesehen — Vitalismus und Teleologie sind, selbst im unpsychologischen Sinn 1 Ordnungslehre 204—214, bes. 208, 285 ff., 295 ff. 2 Phil. d. Organ., S. 393 ff. 8 Hierzu vgl. H. Driesch, Kant und das Ganze, Vortrag bei d. Feier d. 200. Wiederkehr v. Kants Geburtstag in Königsberg, abgedruckt in Kant- Studien Bd. XXIX, S. 365—376. 4 Vgl. Nef, Phil. W. Wundts, S. 119—131.

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