Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829931-2832613--46238-2832682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 Kontroverse zunächst noch keine metaphysische ist; auch sie soll zunächst auf dem Boden der Logik ausgefochten werden; ja, es kann sogar in einer methodisch-solipsistischen (nicht dogmätischenl) geschehen — womit eine spätere metaphysische Ausdeutung natürlich nicht ausgeschaltet ist. Betreffs geschichtlicher Rückblicke und vollständiger Darstellung und Rechtfertigung des Vitalismus muß auf Drieschs Arbeiten1 verwiesen werden. Auch habe ich2 an anderer Stelle ausführlich darüber berichtet. Hier fasse ich, wenn ich von Vitalismus rede, nur Drieschs Lehre ins Auge und verweile bei einigen neueren Gegnern der Lehre, alles unter Betonung des naturphilosophi- ‘sehen Interesses. Driesch hat seine Lehre als Naturforscher begründet. Drei strenge Beweise3 hat er für die Autonomie des Lebens beigebracht. Der erste beruht auf der Existenz harmonisch-äquipotentieller Systeme: wenn wir bei einem Seestern auf der embryonalen Stufe der Gastrula (zweischichtige Hohlkugel) ein beliebiges Stück des Ektoderms (äußeres Keimblatt) in beliebiger Riehtung abschneiden, so regeneriert sich der Rest zu einem typischen (allerdings kleineren) Ektoderm. Wir erkennen daraus, daß jede Zelle jede einzelne Leistung im Rahmen des Ganzen vollführen .kann, daß also die prospektive Potenz größer als die prospektive Bedeutung ist. Damit ist aber für einen bestimmten Fall die Unmöglichkeit einer Maschine erwiesen. Denn es ist undenkbar, daß man Maschinen immer erneut teilen kann, ohne sie zu zerstören. Entscheidender aber als die Unmöglichkeit eines Fortbestehens des Maschinencharakters bei beliebiger und fortgesetzter Teilung, die L e i b n i z für angängig hielt — übrigens hat die regenerierende und Ganzheit schaffende Leistung eine Grenze, wenn die Zahl der Restzellen zu gering ist — ist die völlig unbegrenzte Wahl der Teilungsrichtung bei der Schnittführung, d. h. die Unabhängigkeit vom Koordinatensystem. Und noch charakteristischer sind andere Fälle von gleichen Systemen, wo man die Zahl der Zellen nicht nur verringert, sondern beliebig gegeneinander verschiebt. Der zweite Beweis beruht auf der Wirksamkeit der Entelechie, wie der vitale Faktor nun heißt, in der Vererbung. Keine Maschine kann ihren Ausgangspunkt wiederschaffen. Der Organismus aber, der aus Keimzellen hervorgeht, produziert sie selbst wieder, um die Kontinuität des Lebens zu gewährleisten. Das Fortpflanzungsorgan führt den Namen komplexaequipotentielles System. Endlich kann aus der Analyse der Handlung, soweit sie als objektiver biologischer Bewegungsablauf (das Psychologische scheidet im Naturtheoretischen völlig aus) faßbar ist, ein dritter Beweis gefolgert werden. Als Handlung gilt nur eine tierische Bewegung, die auf Grund einer historischen Reaktionsbasis (subjektiv: Erfahrung) erfolgt. Das zweite Kriterium der Handlung, das Prinzip der Individualität der Zuordnung zwischen Reiz und Effekt, ist beweisend für die Lebens autonomie. Es besagt nämlich, daß der Reiz völlig geändert werden kann, ohne daß der Effekt sich ändert, und umgekehrt kann die geringste Variierung des Reizes zu einem total anderen Erfolg führen. Dafür sind die Telegrammbeispiele berühmt: mon p6re est malade und mein Vater ist krank, haben trotz des akustisch völlig differierenden Reizes denselben Erfolg; doch genügt der Austausch eines ״m“ und ״d“: ,,mein Vater ist krank“,. ,,dein Vater ist krank“, um völlig verschiedenen Effekt zur Folge zu haben. Ein summenhafter physischer Reiz, der den Organismus trifft, wird in ihm totalisiert und durch einen totalen Effekt beantwortet. Auch hier muß ein ganzmachender Faktor angenommen werden, der, wegen der Analogie zum Psychischen, ״Psvchoid“ genannt wird. Entelechie bezw. Psychoid sind nichträumliche Faktoren, die räumliches Geschehen richten. * Sie sind ja geradezu eingeführt worden, weil räumliche Prinzipien nicht zur Erklärung ausreichten. Für den Naturphilosophen gibt es noch einen anderen Weg, um die Frage Vitalismus-Mechanismus, wenn auch nicht zu lösen, so doch zu erörtern und die a priori vorliegenden Möglichkeiten zu erwägen. Man kann 1 Philosophie d. Organ., 1. u. 2. Aufl. 1909 u. 1921, Geschichte d. Vitalismus, 2. Aufl. 1922, Theorie der organ. Form 1919 u. d. System. Werke d. Philo- Sophie. 2 Jeschurun VIII, 4S0—504, IX 71—4ל. 3 s. Phil. d. Organ. 110—142, 209—218, 347—354.