Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Über moderne Naturphilosophie [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829931-2832613--46237-2832681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 — Unter den denkmöglichen Atomtheorien scheidet die erwünschteste, die korpuskular -kinetische, die nur eine Art raumteilbehauptender, durch Stoß wirkender Atome kennt, aus; auch wenn wir dieser Theorie einen d y n a - mischen Charakter durch Einführung der Newtonschen Fern Wirkung (actio in distans) geben, fassen wir damit nur die Ergebnisse von Mechanik, Wärme und Akustik zusammen. Wir sahen ja schon, daß die neuartige Atomistik, zu der uns die Elektrik zwingt, den bisherigen Theorien widersteht. Die Schwierigkeiten auf diesem Feld aber bestehen darin, daß wir über die positive Elektrizität nichts Genaues wissen. Die modernen Vor- Stellungen gehen dahin, daß die chemischen Atome aus einem Kern positiver Ladung und negativen Elektronen, die um jene kreisen, bestehen. Es gelang allerdings auf diese Weise, ein rationelles System der chemischen Elemente und damit eine Erklärung für das sog. periodische System (M e n d e 1 e j e f f) zu gewinnen. Aber die Grundlagen sind noch nicht genügend geklärt. Dem negativen Elektron wird keine echte Masse (d. h. Raumerfüllung, Stoßkraft, Widerstandskraft) zugeschrieben; ob־ das positive Elektron Masse besitzt, ist unentschieden. Würde man sie ihr zuschreiben, so wäre immerhin der Charakter echter Masse für die chemischen Elemente am zwanglosesten gegeben. — Das Ergebnis also wäre die Annahme zweier (vielleicht nur polar differenzierter) Atomarten, der negativen und positiven Elektra, sowie eines von der Geschwindigkeit des Wirkenden abhängigen Wirkungsgesetzes mit endlicher Ausbreitungsgeschwindigkeit. Manche Physiker (Lenard) geben die Hoffnung noch nicht auf, daß man mit einem Urding, dem Aether, auskommen wird, als dessen Derivate die Elektra und die Elektrodynamik dann zu betrachten wären. Doch ist das gegenwärtig nur ein Wunsch1. Wundt2 stellt für jede Hypothese der Materie die Forderung auf, daß sie die Phaenomene erklären müsse auf dem gesamten Feld der Physik; andererseits aber sei eine Theorie, die mit zur Deutung der Erscheinungen untauglichen Vorstellungen belastet sei, abzulehnen. Nicht vergessen dürfe man auch, daß der Begriff der Materie nicht berufen sei, die Gesamtheit der naturwissenschaftlichen Probleme zu lösen. Wir kommen ohne die Prinzipien der Naturkausalität — und unter ihnen spielen gerade die biologischen und kosmologischen Gesetze eine wesentliche Rolle — nicht aus, wenn wir den naturwirklichen Zusammenhang der Gegebenheit erfassen wollen. Allen Schwierigkeiten der Materientheorie gegenüber hält Wundt daran fest, daß logische Motive zu einer solchen nötigen; das gebe den Ausschlag dafür, daß wir daran festhalten müssen. Vielleicht wird nie eine ganz befriedigende Hypothese der Materie gefunden werden, immer aber wird das Streben der Physiker dahin gehen, die Substanztheorie zu verbessern und von Schwierigkeiten und Widersprüchen zu reinigen. sie * * Eine Kardinalfrage führt zwanglos und folgerichtig aus der anorganisehen in die organische Wissenschaft. Ist das Reich der Organismen grundsätzlich gleicher Art wie das der unbelebten Natur? Auch diese Frage geht gleichermaßen Wissenschaft und religiöse Weltbetrachtung an. Die Frage bejahen heißt den Me chanismus billigen, wobei im Auge zu behalten ist, daß Mechanismus im strengsten Sinne "als Theorie, die der klassischen Mechanik genügt, nicht einmal für die Physik ausreicht, wie oben dargelegt wurde; es bedeutet also lediglich: physiko-chemische Gesetzmäßigkeit müsse auch für die Organismen ausreichen. Demgegenüber bestreitet der Vitalism u s die Auflösbarkeit des Lebensgeschehens in der von den Mechanisten behaupteten Weise. Es kann nicht genügend unterstrichen werden, daß diese d. Philosophie u. Essays) sowie Nef (d. Philosoph. W. Wundts) orientieren über das Historische bis zur Gegenwart gut. In Vaihingers Standard Werk ״Die Philosophie des Als Ob“ wird die Bedeutung des materialistischen Standpunktes unter dem Gesichtswinkel der Fiktion unter besonderer Bezugnähme auf F. A. Lange behandelt, S. 379, 763. — Nur im Vorbeigehen will ich meiner Ueberzeugung Ausdruck geben, daß der Fiktionalismus nicht das letzte Wort der Philosophie ist und wir zuversichtlich hoffen dürfen, gewisse bescheidene metaphysische Erkenntnisse zu sammeln. 1 Vgl. Driesch, Ordnungslehre 264—278. 2 s. Nef, Phil. W. Wundts, S. 87—97.