Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Seele als Vogel
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 3)
- Language
- German
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152 Schrifttum teilt in diesem Punkte das Schicksal Platos. Bei Plato kommt die Vorstellung des Seelenvogels in mehreren seiner Schriften vor, ja sie nimmt in seinem Systeme eine wichtige Stellung ein; dennoch habe ich außer bei speziellen Platoforschern bei einer großen Anzahl von Schriftstellern, die von jener Vorstellung sprechen, selbst bei Waser, keinen Hinweis auf Plato gefunden. Ich will nun das mir bekannt gewordene Material zu diesem Thema zusammenstellen. Zunächst sollen nun die älter bekannten Stellen mitgeteilt und auf ihren Wert für unsere Frage untersucht werden. a) Die halachische Bestimmung betreffend den Totschlag, daß Totschlag nur dann gerichtlich verfolgbar ist, wenn der Schlag an einer Stelle erfolgte, wo eine Verletzung tödlich wirkt, lautet in einigen Quellen: wenn er ihn schlug auf ,,zippor naphscho“ (1(צפור נפשו, dann ist er des Todes schuldig. Was nun die inhaltliehe Bedeutung des merkwürdigen Ausdruckes ,,zippor naphscho“ betrifft, so kann es keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß eine Körperstelle gemeint ist, an der eine Verletzung tödliche Wirkung hat. Darauf weist der Gegensatz hin: wenn er ihn schlug auf den Schenkel (הכהו על שוקו), ist er straffrei. In anderen Quellen ist diese Bestimmung weniger poetisch ausgedrückt, sondern es ist von der ״Stelle“ die Rede, an der (ein Schlag) hinreichend ist zu töten (2(מקום שיש בו כדי להמית. Der innere Sinn des seltenen Aus־ druckes ist also gesichert: Sitz des Lebens, wie die alten Kommentare alle es verstehen. Sprachlich aber verursachte der dunkle Ausdruck viel Kopfzerbrechens. Geiger3 übersetzt ״Vögelchen der Seele“ und verweist auf den Glauben der heidnischen Araber, daß die Seele nach dem Tode in einen Vogel verwandelt wird. Diese Erklärung lehnt Derenburg4 mit der Begründung ab, daß in der Bibel und im rabbinischen Schrifttum nicht der geringste Anklang an jene Vorstellung vorhanden ist. Auch O. H. Schorr5 lehnt Geigers Erklärung ab. Aber das von Derenburg und Schorr zur Erklärung des seltsamen Ausdruckes Gebotene ist nicht sehr verlockend. Derenburg meint: der Ausdruck sei von dem ״phantasiereichen“ R. Akiba geprägt worden zur Zeit der Gefahr, wo man immer an Psalm 1247: ,,Unsere Seele ist wie ein Vogel“ usw. dachte. Aber bei aller Achtung vor Derenburg wird man zugeben, daß diese seine Erklärung keinen Mangel an Phantasiereichtum zeigt6. Schorr wieder erklärt den,Ausdruck nach seiner bekannten Manier aus dem griechischen Lexikon: צפור״ £cü<popo<;, £<or)<popö<;“ (lebenbringend, belebend) oder ^coTcvpov, Zconopoir belebender Funke . . . oder Ccoypdpo? Lebensluftröhre'‘. Demnach bedeutet zippor naphscho: ״das Lebenbringende seiner Seele, belebender Funke seiner Seele, Lebensluft- 1 Tosefta Synhed. XII, 3. B. Kamma 90b. 2 Mechilta Mischpatim VI, VII. Sifre Deut. § 160. 3י Geiger, Jüdische Zeitschrift, 1867, S. 169 in der Rezension von Weiß, Sprache der Mischnah. Daher bei Kristianpoller a. a. O., S. 5, Anm. 11, irrtümlieh ״Weiß, Sprache der Mischnah“. 4 Geigers Jüdische Zeitschrift 1868, S. 293 f. 5 Hehaluz X, 50. 6 Außerdem ist die Uebersetzung der Psalmstelle ״Unsere Seele ist wie ein Vogel“ ungenau. Vgl. w. u. im Text.