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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 4 · p. Seite 138

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 4
Article
Religion und Staat im nachexilischen Judentum
Date
1925-01-01
Page
Seite 138 (sequence 10)
Language
German
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138 Prokuratoren oft geflissentliche Verletzung des jüdisch religiösen Empfindens weckte und steigerte das nationale Gefühl und den nationalen Haß aufs äußerste. Aus den Kreisen der Pharisäer und der Essäer gingen die Insurgentenführer, die Messiasse, und ihr Anhang hervor, von hier die Zeloten. Nicht die Sadduzäer, sondern die Pharisäer erhoben die Fahne der Empörung gegen Rom und führten diesen Krieg. Sie sind in dieser letzten Phase die Träger des nationalen Gedankens. Wie die politische so hatte auch die religiöse Anschauung eine Wandlung durchgemacht. Von Anfang an hatte der Pharisäismus in Verfolgung der Tendenzen der Soferim als Erbe des Prophetismus eine stark individualistische und im Gemeinschaftsleben demokratische Tendenz. Das allgemeine Priestertum ganz Israels, die Verwirklichung des Judentums als Persönlichkeitsreligion, nicht als Tempelreligion war sein Ziel, das er nicht durch Degradierung des Priestertums, sondern durch Erhebung des ganzen Volkes zu priesterlicher Hoheit und Reinheit zu erreichen suchte. Diesem Zwecke diente der Zusammenschluß der חברים und deren Heraushebung aus der Masse des צם הארץ, der ungebildeten und religiös tiefer stehenden Menge. Auch dies ist ein Widerspruch, daß der Pharisäismus eine neue Art religiöser Aristokratie schuf, aber ein Widerspruch, den er mit jeder Demokratie teilt. Die unseligen politischen und sozialen Zustände, die schweren sittlichen Schäden, die namentlich seit Herodes immer stärker in die Erscheinung traten, haben eine Wendung herbeigeführt. Und hier traf die jüdische Anschauung mit der die ganze damalige Welt durchziehenden zusammen. Die Welt war müde geworden, und das Römerreich sehnte sich nach einem Jahrhundert der Bürgerkriege mit allen ihren Greueln nach einer besseren Zukunft. Es braucht bloß an die Römeroden des Horaz und an die vierte Ecloge des Vergil erinnert zu werden. Bei den Juden war der gleiche Ekel vor der Gegenwart, die gleiche Sehnsucht nach einer besseren Zeit, wie die Propheten sie verheißen hatten. Aber diese messianische Zukunft sollte nach prophetischer Verheißung den Berg mit dem Gottestempel hoch emporragen lassen über alle anderen und zum Zielpunkt der Pilgerfahrt aller Völker machen. So wuchs der Tempel und der Tempeldienst auch in den Augen der Pharisäer, so wurde er zum Mittelpunkt des religiösen Denkens, zum Wahrzeichen aller echten Religion. So überstrahlte dieses Symbol als religiöses und als nationales alles andere. Nichts ist hierfür bezeichnender als die Tatsache, daß zwei Menschenalter nach dem Falle des Tempels der Schürer und geistige Leiter des BarkochbaaufStandes R. Akiba gewesen ist. Wiederum schien die Entwickelung zum Ausgangspunkte zurückgekehrt, wiederum Religion und Staat — wenn man das damalige Gebilde so nennen darf — aufs innigste miteinander verwachsen zu sein. Wäre dieser Römerkrieg für die Juden siegreich ausgegangen wie einst der Hasmonäerkampf, so hätte sich das Judentum vielleicht in einem kleinen staatlichen Gemeinwesen verkapselt. Der grauenvolle Zusammenbruch des letzten Restes dieses jüdischen staatlichen Gebildes führte gewaltsam die endgültige Lösung herbei. Der geniale Weitblick Jochanans b. Sakkai hat die Notwendigkeit und die Mög-

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