Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Religion und Staat im nachexilischen Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 9)
- Language
- German
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137 sich, da es auf ihn angewiesen war, auf den in den Kämpfen entstandenen und bewährten Adel stützen. So war es trotz aller autokratischen Tendenz doch im wesentlichen ein Adelsregiment, in dem der Priesteradel eine maßgebende Rolle spielte.. Dem stand die Volkspartei gegenüber. Aber das finden wir auch in anderen Staaten fast überall. Das Eigenartige ist hier die Verbindung der religiösen mit den politischen Kämpfen und das ganz eigenartige Prinzip dieser Kämpfe. In religiöser Beziehung hatte das neue, durch Usurpation ans Ruder gelangte Hohepriestergeschlecht und fast mehr noch sein sadduzäischer Adel das größte Interesse an der korrekten — ich möchte sagen י— legitimistischen Führung des staatlichen religiösen Lebens, d. h. an der buchstäblichen Innehaltung der Thora. Schriftgelehrte und Volk dagegen verfolgten die Tendenz auf Ausbau, Vertiefung, Verpersönlichung der Religion. Aber auch das ist nicht der eigentliche Inhalt der Kämpfe. Hinter allen Einzelfragen, um die z. T. mit äußerster Erbitterung gestritten wurde, ist — nicht für die damaligen Menschen, wohl aber für uns — erkennbar die Frage nach dem Primat der Religion oder der Politik. Die Pharisäer vertraten den Primat der Religion. Schon vor der Entstehung der pharisäischen Partei finden wir diesen Standpunkt vertreten bei den zahlreichen Kämpfern für die religiöse Freiheit, die nach Erreichung dieses Zieles die Waffen niederlegten. Die gleiche Tendenz tritt zutage in den Gesandtschaften an Pompejus und 60 Jahre später an Augustus. Beide Male wurden die römischen Machthaber um Abweisung aller Ansprüche der streitenden Fürsten, Hyrkan und Aristobul, bezw. der Söhne des Herodes, und um Wiederherstellung der alten Hohenpriesterverfassung gebeten. Bei der Belagerung Aristobuls durch Hyrkan betete Onias, Gott möge keiner Partei Wünsche erfüllen. Und als Herodes den Treueid verlangte, haben die Pharisäer ihn scharenweise verweigert. Es war der Pharisäismus eben zwar nicht in der Methode, wohl aber in der Sache der Erbe des Prophetismus. Das zeigte sich in dem Verhältnis der Pharisäer gegenüber dem Staat. Sie bekämpften, ja verwarfen ihn, weil׳ er eben ein Staat war wie alle anderen Staaten, weil er dem religiösen Ideal nicht näher kam, sondern auch die Religion nur zu einem Bestandteil und einem Mittel seiner Politik machte. So lösten sie sich vom Staate. Aufs höchste gesteigert war diese Ablehnung bei einem Teile der Essäer. Ihnen ging es lediglich um die persönliche Frömmigkeit, sie verwarfen den Opferdienst, mieden den Tempel und hielten sich von allem politischen Leben fern. Aber so einfach lagen die Dinge denn doch nicht. Ganz entgegengesetzte Tendenzen wirkten zu gleicher Zeit und brachten ganz entgegengesetzte Wirkungen hervor. Der Sadduzäisrnus ist sich in dieser ganzen Zeit im wesentlichen gleich geblieben. Er hat nach dem Sturze der hasmonäischen Dynastie mit Herodes und sehr bald auch mit den Römern seinen Frieden gemacht und seine Stellung im Gemeinwesen zu behaupten gewußt. Die Politik des Herodes hat es bewirkt, daß den von Hause aus national indifferenten Pharisäern, ja sogar einem Teile der Essäer aus dem Widerstand gegen den bestehenden Staat die Idee des echten nationalen jüdischen Staates erwuchs. Das Blutregiment des Herodes, seine und der römischen