Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Alchemie und Kabbala
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 14)
- Language
- German
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108 in Riccius* eigenen Werken, bei Galatin, Postei und später bei More zitiert war1, konnte in der außer jüdischen Entwicklung der Kabbala keine Rolle mehr spielen. Für die Umdeutung der kabbalistischen Auffassungen ins Christliche wären aber außer den echten Texten —1 die sich bei der damaligen wilden Exegese ja auch recht ergiebig erwiesen2 — vor allem die beiden Fälschungen hebräischer (oder lateinischer) kabbalistischer Texte von Bedeutung, die am Ende des 15. Jahrhunderts vermutlich von ihrem Herausgeber, dem Renegaten Paulus de Heredia, begangen worden sind3. Diese das Christentum unverhüllt predigenden Pseudepigraphen, Iggereth ha-Sodoth und Galie Rase, dem Tannaiten Rabbi Nechunja b, Haqana und dem Redaktor der Mischna R. Juda ha-Nassi in den Mund gelegt״ wurden von den unkritischen christlichen Bearbeitern der Kabbala als echt betrachtet, natürlich an allen Ecken und Enden freudig zitiert, und haben damit in dem uns beschäftigenden Entwichlungsprozeß eine wichtige Rolle gespielt, ‘Denn in dem Moment״ wo die mystische Wiedergeburt im christlichen Sinne, die Erweckung des Christus im Menschen und jene Geheimnisse, deren Ahnung sie erschließt, als Inhalt der Kabbala auf treten konnten — und hierbei haben besonders Galatin4 5 und Pistorius6 mit- 1 Diese Autoren sind wohl so ziemlich die einzigen, die beachtenswerte־ Kenntnisse der Originaltexte in größerem öder kleinerem Umfange besessen haben. Pico zitiert nicht viel ausdrücklich, und Leone Hebreo, der in diesen־ Kreisen als angeblicher Christ eine große Rolle spielte, zitiert überhaupt nicht. Geheime oder mündliche Quellen anzunehmen, , geben die Werke der anderen Autoren dieser Richtung gar keinen Grund.. Die Unwissenheit der. Autoren ist großenteils sogar horrend. Robert Fludd hielt den Sohar für einen Rabbiner! (Cf. Vulliaud, La Kabbale Juive 1923, II, p. 236.) Ausdrücklich darf hervorgehoben werden, daß also der Sohar nicht zu den ihrem Gesamtumfange nach bekannten Werken gehörte/ Im Gegenteil ist die Zahl der Soharzitate, die ein Autor von dem anderen abschreibt, außerordentlich klein״ und erst Voysin, der Renegat Rittangel und Knorr von Rosenroth haben eine größere Zahl von Soharstellen bekannt gemacht. 2 Daß auf Grund mystischer Eiegese Uebertritte zum Christentum stattfanden, bezeugt schon das um 1400 entstandene Buch Pelia (ed. Korcez 1784, f. 52b), das die so Uebergetretenen heftig verflucht. Sie deuteten nämlich das Wort בצלו im Hohen Lied 23 durch Buchstabenumstellung als צלוב, übersetzten ,,im Schatten des Gekreuzigten wohne ich gern“ und — wie der Autor sagt—״ ־daraufhin ließen diese Irrsinnigen sich taufen“. Es wäre interessant״ zu wissen, ob in der Renegatenliteratur älterer Zeit sieh diese Exegese nachweisen läßt. Die Peliastelle stammt aus Abraham Abulafias ungedrucktem Jezirakommentar גן נעול z. B. Cod. Mon. 58, f. 328 a. 3 Cf. A. Freimann in der Guttmann-Festschrift 1915, p. 206 ff. Die Schriften sind wohl nicht lange vor 1480 verfaßt. Zwischen 1483 und 1490 wurde die Epistolä de secretis schon in Rom gedruckt. 4 In seinen De arcanis catholicae veritatis libri XII, die von 1518—1672 öfters gedruckt und sehr einflußreich wären. - 5 Er gab Basel 1587 ein großes Sammelwerk der christlichen Kabbala ״Artis cabbalisticae scriptores“ heraus, das einige der wichtigsten Schriften der Bewegung zusämmenfaßt und sehr viel studiert und zitiert wurde. Daß er die ,,Dialogi de amore Dei“ des Leone! mit einbezieht, ist bei der Auffassung von dem Werke in den Kreisen der christlichen Kabbala nur natürlich. Ein Parallel werk, das die ״jüdische Kabbala“ behandeln sollte, kam nicht zu- Stande, Die handschriftlichen Uebersetzungen vieler kabbalistischer Schriften ins Lateinische aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, die großenteils noch in der Vaticana liegen, haben auf die Kenntnisse des 16. und 17. Jahrhunderts nicht den mindesten Einfluß gehabt. Kein Alchemist und Mystiker verrät Kenntnis von ihnen.