Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Alchemie und Kabbala
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 12)
- Language
- German
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1Q6 Die angedeuteten beiden Elemente sind die Naturmagie des 16. Jahrhunderts, welche wesentlich Agrippa v. Nettesheims ״De occulta philosophia“ zur Grundlage hat, und die Bewegung der ,■,christlichenKabbala“, beide ursprünglich (bis zumEnde des 16. Jahr-;hunderts und z. T. auch noch darüber hinaus wie bei Henry Möre) •starke Exponenten des Neuplatonismus der Renaissance. Agrippa, unter dem Einfluß mancher Reuchlinscher Ausführungen und bei zweifelloser direkter Kenntnis von Teilen der ,,praktischen Kabbala“, identifizierte in seinem großen Harmonisierungswerk aller okkulten Lehren praktische Kabbala mit Magie, wie er sie verstand, d. h. er :nahm gewisse ganz äußerliche Elemente der theoretischen Kabbala mit hinüber, wenn sie, obenhin betrachtet, sich dem allgemeinen okkultistischen System einfügten. So durchziehen die zehn Sephiroth in allgemeiner und unbestimmter Fassung sein Buch. Tiefere Kenntmisse der kabbalistischen Lehre hat Agrippa sicher nicht gehabt, .aber im Zusammenschweißen der jüdisch-mittelalterlichen mit der christlichen Dämonologie stand er seinen Mann. Natursymbolik nach neupythagoräischer Art durfte von jedem gläubigen Jünger der agrippaschen Lehren mit gutem Gewissen ,,kabbalistisch“ genannt werden, und daß hier bald nach Agrippa ein breiter Strom fremder, großenteils aus Gelehrtenspekulation stammender kosmologischer und kosmogonischer Ideen einbrach und sich des vorhandenen Rahmens der Naturmagie in seinem Sinn bediente, kann nicht verwundern. Auf dem Gebiet der Alchemie spiegelt diesen Einfluß der agrippaschen Richtung von bekannteren Werken vor allem wieder das seit 1615 mehrfach gedruckte Buch ,,Cabala, Spiegel der Kunst und Natur in Alchymia“, dessen ,,alchemistisch-kabbalistische“ Tafeln mit der jüdischen Kabbala nicht das geringste zu tun haben. Noch ein Werk wie J. Chr. Steebs: ,,Coelum Sephiroticum ־Hebraeorum“ (Mainz 1679) steht deutlich in dieser Entwicklungslinie. Der kabbalistische Inhalt ist bis auf ganz schwache Rudimente verschwunden, aber der Coelum Sephiroticum ist jener des Agrippa im ersten und dritten Buch De occulta philosophia —־ mit Medizin und Naturkunde, vor allem aber auch mit Alchemie, versetzt. Kopp irrte, als er ein Werk wie dieses (oder seinen Titel) unter die Produkte der Marktschreierei rechnete — er scheint es nicht gesehen zu haben — während es repräsentativ für den gutgläubig als kabbalistisch angenommenen Geist der Natursymbolik ist. Bemerkt sei .auch, daß von dieser Richtung Agrippas aus der Begriff der Kabbala .als Zauberkunst niederster Stufe sich im Volksbewußtsein herschreibt. Denn als die gelehrte Magie Agrippas in der gelehrten Welt — ziemlieh schnell — ihren Kredit verlor, drang sie in die unteren Volksschichten ein, natürlich in höchst vereinfachter, gewalttätiger Form, und hat -— sehr oft unter dem Prunknamen der Kabbala — in den .Zauberbüchern Westeuropas eine heute noch nicht ganz erloschene Rolle gespielt. Ein Blick auf viele dieser ,,Schlüsselzwänge“ und andere populär - unverständliche Elaborate genügt oft, um ihre Herkunft aus der occulta philosophia Agrippas zu erkennen — ein Zusammenhang, der durch die Forschungen über die Faustsage und die Faustzauberbücher aufs lebendigste hervorgetreten ist. ~