Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Trepha-Lehre im Lichte der medizinischen Wissenschaft
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2829132-2829927-2829930-2832480--46100-2832543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
83 Die Klausel der Mischna ist der Kardinalsatz der Trephalehre, welche also zugleich als Lehre der Prognosenstellung gelten kann. ״Welches erfahrungsgemäß nicht lebensfähig“: das wäre wohl die beste Uebersetzung dieser eigentümlich gefaßten Formel, welche eben besagen mag, daß am lebenden ,wie auch a posteriore am geschlachteten Tiere eine richtige Prognose nicht durch fragwürdige Spekulation, sondern ausschließlich durch allgemeine, bei anderen gleicherweise verletzten Tieren gewonnene Erfahrungen sich stellen lasse. Aus dem Ausdrucke 1ה הכלל (dies ist das zusammenfassende Prinzip) folgert der Talmud auch die Umkehrung des Satzes, daß nämlich, was Trepha, nicht lebensfähig sei, d. h. daß in den angeführten Fällen eine Heilung völlig ausgeschlossen. Wann das Tier daran zugrunde gehe? hierüber gibt es drei Meinungen: 30 Tage (Rabbi), 12 Monde (Huna), oft erst nach Jahren, d. h. überhaupt nicht (die Weisen). Der letzten Ansicht nach ist also das Trepha imPrinzip lebensfähig. Der Streit ist kein naturwissenschaftlicher — wo doch letzten Endes die Erfahrung entscheidet —■ sondern ein rein halachischer: wie man nämlich strittige Trephaarten oder fragliche Einzelfälle durch Heilversuche, Lebensdauer usw. entscheiden könne, wo dann, wie üblich, der eine erschwert, der ändere erleichtert* 1. Das Thema wird auch auf den Menschen bezogen, d. h. zwischen der Pathologie des Tieres und der des Mensehen wird gar kein Unterschied gemacht. Die Todesstrafe entfällt, wenn der Ermordete oder der Mörder trepha2, ja man war sogar im Prinzipe geneigt, zu Gunsten des Mörders das Opfer zu sezieren. Eine Frau, die ein trepha Kind zur Welt gebracht (angeführt wird: Atresie der Speiseröhre, angeborene Fistel zwischen dieser und der Luftröhre infolge lückenhafter Ausbildung der Scheidewand, Anencephalus, Defekt der unteren Extremitäten), ist der rituellen Reinigung enthoben, als ob sie gar nicht geboren hätte3. Die Halacha stellt endgültig fest, daß das Trepha in der Mehrzahl der Fälle nur 12 Monate lang leben könne (nach S. Lurj a , בניך משמרין וכד כשיבוא אדם מישראל ליקח בהמה שח או עז או כבש שוחט ומפשיט ומכניס ידו ובודק הרייאד. ונמצאת טרפד., מניחו ובו' ed. Buber ibid. 13. Auf das Bestehen einer Terefauntersuchung deutet auch b. Beza 25b hin נטיעה מקטע רגליהון דקצביא, S. Raschi das. und j. ibid. III, 3 (62a, 32 ff.). Zu vergleichen ist noch ריב״ש resp. 163 bes. gegen Ende. M. 6. 1 Ghul. 07b. 2 S. Ghul. 11b, Mak. 7a, Sanh. 78a. 3 רבא lehrt zwar ושטו נקוב אמו טמאה (Nidda 23b), aber niir deshalb, weil nach ihm überhaupt טרפה חיה; Preuß hat diese Stelle mißverstanden; auch gereicht es dem Talmud nur zur Ehre, daß zwei moderne Aerzte: Preuß und Kazenelson gar nicht wissen, was eigentlich ושטו נקוב medizinisch zu bedeuten habe. In der Folge vermeide ich aber jede Polemik mit den genannten Aerzteautoren, da ja der halachisch geschulte Leser ohnehin entscheiden kann, wer da eigentlich recht habe. Hierher gehört auch Sebach. 116a Jebham. 121a u. Chulin 43a. M. E. wäre das Ganze so aufzufassen, daß die in der Mischna angeführten Verletzungen durchwegs tödliche — wenn sie einen gewissen Grad erreicht haben: nur hat man eben die fallweise Bestimmung dieses Grades weder der Masse der gläubigen Laien, noch dem jeweiligen Stande der medizinischen Wissenschaft an vertrauen wollen, so daß auch derzeit Punktion des Darmes usw. auch bei sorgfältigster Ausführung trepha. 6*