Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1925-01-01 · Heft 3 · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
69 (1925)
Issue
Heft 3
Article
Aus der neuesten bibelwissenschaftlichen Literatur
Date
1925-01-01
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829927-2829930-2832479--46090-2832535
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75 Die Bitterkeit der Armut läßt nie zu, daß aus der Not eine Tugend gemacht wird. Mit Recht wird abgewiesen, daß sich im A. T. irgendwelche Spuren asketischer Verherrlichung der Armut finden; denn sie wird hier nirgends als ein notwendiges Bestandstück der göttlichen Weltordnung angesehen. Es muß durchaus nicht Arme und Reiche geben, wofür auch nicht etwa Dt 15n herangezogen wrerden darf. Das Gottesgesetz hat vielmehr die Absicht, die Armut aus der Welt zu schaffen. Wie böse sie in den Augen der Menschheit und Gottes ist, der die Menschen oft mit ihr straft, so steht gerade um ihrer Härte willen der Gott Israels den Armen besonders nahe. Sein Ideal ist der Demütige, sein Haß geht gegen den prunkend Hoffärtigen. Reichtum als solcher ist, wie schon die Gottgefälligkeit der Patriarchen zeigt, die allesamt große Herren sind, durchaus nicht geeignet, den Menschen Gott zu entfremden, im Gegenteil, er gilt als Beweis für den Segen Gottes. Auch die ,,Elenden'c der Psalmen sind nur ein Beleg für die Armenfreundlichkeit Gottes. Die Propheten zumal fliehen nicht die Welt, sondern kämpfen für eine neue Menschengemeinde in einer Welt ohne Armut. Eine spezielle Frage der biblischen Sozialgeschichte sucht M. Sultzberger zu lösen: the Status oflabourin ancient Israel (Philadelphia, the Dropsie College for Hebrew and cognate learning 1923). Es handelt sich um Umgrenzung des konkreten Sinnes der sich in der Thora so oft wiederholenden Worte שכיר, תושב, גר; .רע; אורח; דל. אביון und noch einiger seltenerer. Der Verfasser fühlt mit Recht, daß die mehr oder weniger abgeschliffene und nur allgemein orientierende Ausdrucksweise der üblichen Uebersetzungen nicht das trifft, was hinter jenen Be- Zeichnungen tatsächlich stecken mag: termini technici bestimmter gesellschaftlicher Stufen, Verbände und Beziehungen, die im Aufbau der israelitischen Volksgemeinde ihre bestimmte Stellung hatten. Sieht man. welche bedeutende Rolle in der a. t .-liehen Religionsforschung die Tatsache spielt, daß Israel in Kanaan kein Urvolk, sondern ein im hellen Lichte der Geschichte einwandernder Stamm ist, wie darum die Frage der Originalität oder des fremden Einflusses die religionsgeschichtlichen Erwägungen beherrscht, so muß man sich wundern, welchen verhältnismäßig geringen Raum solche Ueberlegungen in der biblischen Sozialgeschichte einnehmen. Wir denken dabei zuerst nicht an die Formulierung der einschlägigen gesetzliehen Normen, als vielmehr an die Erkenntnis der gesellschaftlichen Tatsachen selber, wie sie das Verhältnis des einwandernden und erobernden Israel zu der Vorgefundenen Bevölkerung gestaltet hat. Denn da von einer vollkommenen Vernichtung der sieben kanaanitischen Stämme keine Rede sein kann, muß naturgemäß die Ordnung der Beziehungen dieser Ureinwohner zu dem eindringenden Eroberervolke die eigentliche Grundlage des neuen Standes der Dinge sein. Hier setzt S. ein. Mit gutem Grunde wird darauf aufmerksam gemacht, daß die גדים eine viel zu große Rolle im Pentateuch spielen, als daß sie ,,Fremdlinge" im Sinne vorübergehenden Aufenthaltes einzelner oder Gruppen von vollbürtigen Israeliten bei eingesessenen *Volksgenossen gemeint sein könnten. Sie werden vielmehr, wie das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.