Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 69 (1925)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus der neuesten bibelwissenschaftlichen Literatur
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
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74 oder seit jeher? Die biblische Tradition ist hier besonders von Winckler und Eduard Meyer bestritten worden, die beide Juda und die anderen Südstämme erst auf kanaanitischem Boden sich mit Israel verschmelzen lassen. Sachsse neigt mehr der traditionellen Ansicht zu: die gemeinsame Religion und das mehrfach hervorgehobene Verwandtschaftsgefühl zwischen Süd und Nord scheinen für de Annahme einer ursprünglichen Einheit und Zusammengehörigkeit zu sprechen, andererseits steht die Sonderstellung von Juda im Rahmen Gesamtisraels fest, wofür aber völlig ausreichende ethnologische, geographische und historische Gründe vorhanden seien. Die Nachwirkung dieser Ursachen und naheliegende soziale Momente — der Süden ist bei den Frohnden Salomos offenbar nicht so stark herangezogen worden wie der Norden, weil er weniger kultiviert war — haben bei der späteren Reichsspaltung gerade Juda dem davidischen Reiche erhalten. Wir kommen zu einigen Darstellungen über das soziale L e b e n im alten Israel. Untersuchungen über dieses Gebiet werden heute im wesentlichen das bekannte Material unter einem neuartigen Gesichtswinkel anschauen müssen. Ein solcher Versuch ist die Schrift von Hans Bruppacher, die Bedeutung der Armut im Alten Testament (Zürich, Verlag Seldwyla 1924). B. will den subjektiven Reflex der gegebenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse, den Eindruck, den die soziale Wirklichkeit auf das Gemüt der biblischen Menschen gemacht hat, schildern. Diese Problemstellung ist von aufhellender Bedeutung für das Verständnis des Verhältnisses zwischen dem Kern der israelitischen Religion und seiner ethischsozialen Entfaltung. Die besonnene, klare, von fremden, besonders christlichen Idealen unberührte Weise der Behandlung muß anerkannt werden. Der realistische Charakter des biblisch-israelitischen Geistes, der unbefangen und nüchtern die Dinge sieht, wie sie sind, kommt mit großer Eindringlichkeit in der Darstellung des Eindrucks der Armut zu Worte: die Armut ist — ganz unabhängig von den sie erzeugenden Ursachen — ein Uebel. Daß der Autor zum Belege neben den gleichsam schon mit bestimmter Weltanschauung belasteten Propheten vor allem mehr neutrale, den Sachverhalt unbefangen und unabsichtlich schildernde Stellen (aus Hiob, den Sprüchen, Sirach, den historischen Büchern) heranzicht, erhöht die Objektivität dieses Urteils. Bei der Schilderung der gesellschaftliehen und rechtlichen Folgen der Armut wird angenommen, daß der Mangel einer festen Durchführung der geltenden Rechtsbe- Stimmungen in Israel besonders fühlbar gewesen sei. Wir verstehen nicht recht, worauf dieses Urteil sich gründet. Denn die nie abbrechenden Klagen der Propheten über Rechtsunsicherheit sind nur für die Feinheit des Gewissens der Gottesmänner, aber nicht für einen im Vergleich zu andern Völkern tieferen Stand der Durchschnittsmoral beweisend. Das Gleiche gilt von der Bemerkung über den Wucher. Ebenso ist nicht richtig, daß die Frau im juristischen Sinne völlig rechtlos ist, was schon durch die Form der Ehe, event. auch des Erbüberganges, die auch ihr Rechte zubilligt, widerlegt wird.