Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Perwer von Salzwedel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 318 (sequence 2)
- Language
- German
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318 Zum ersten Male ist: 1336 und 1349 vom Perwer als Judae־־ orum v i c u-S, als , Judendorp“1, die Rede. Nicht außer Zusammen״ hang damit mag stehen, daß in der Gegend des Perwers ein Burgfried (Warte) erwähnt wird, der Bethsure (Wachtgebäude, Festungsgebäude, vgl. Jos lö58) heißt. Nachdem im 15. Jahrhundert mannigfache Streitigkeiten über die Grenzen des Stadtgebiets nach der Perwerseite hin begonnen hatten, wird zum ersten Male 1541 (im Visitationsbescheid an die Altstadt Salzwedel) und seitdem bis ins 17. Jahrhundert hinein häufig der Perwer als •,,Vorstadt“ von Salzwedel bezeichnet. Es heißt suburbium neben Judaeorum villa u. dgl. Vom Heiliggeist־ kloster verlautet jetzt häufig, es liege prope muros; vom Georg־ Hospital, es sei ,,vor unserer Stadt“ gelegen. Es kann nach allem keinen Zweifel leiden, daß zwischen dem Perwer von Salzwedel und der Judenheit seit rund 1200 genaue Beziehungen bestanden. Schwieriger ist es, diese Beziehungen, unmöglich gar, den Ursprung im einzelnen festzulegen. Es steht fest, daß die Juden von den. anhaltinischen Markgrafen, die von 1134 bis 1320 mit der brandenburgischen Mark auch die Altmark regierten, geschätzt, geschützt und auf mancherlei Weise begünstigt wurden. Markgraf Ludwig der Bayer und Ludwig der Römer, die seit 1324 die Mark beherrschten, waren noch mehr den Juden geneigt. In einer Ua> künde aus dem Jahre 1344 verordnet der ältere Ludwig an den Magistrat Von Salzwedel, dem er die Juden, * gleichwie andere Bürger, zum Schutze anbefiehlt: Nouerint . . . quod nos . . discretos2 Judaeos ciuitatum nostrarum Soltwedel, camerae nostrae seruos3, presentes 1 ,, Judendorf“ liieß auch die Siedlung der Juden außerhalb Magdeburgs zwischen Kloster Berge (jetzt Friedrich-Wilhelms-Garten) und Scharnhorst- Straße, ein Wohnplatz. der ihnen schon im 11. Jahrhundert zugewiesen wurde. Solche ,,Judendörfer“ gab es außerdem in Bernburg, Aschersleben, Halle, Meißen. Ygl. Moritz Spanier, Geschichte der Juden in Magdeburg, S. 7. Ferner Gengier, Deutsche Stadtrechtsaltertümer. S. 108 f,, und Alfred Leicht, Die Judengemeinde in Meißen, \S. 15 (enthält wichtige urkundliche Zeugnisse). - Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang bleiben eine Mitteilung, die ich Herrn Professor Gaedcke in Salzwedel, dem kenntnisreichen und yerdienten altmärkischen Altertumsforscher, verdanke. Er wies mich gütigst darauf hin, daß im Liber debitorum, dem städtischen ,,Verzeichnis der Gläubiger“, das von etwa 1307 bis 1360 reicht und im Salzwedeler Ratsarchiv aufbewahrt wird, wiederholt, so im Jahre 1322, 1336 und 1337 von platea Judaeorum die Rede sei. Da an der letztgenannten Stelle neben platea J. auch vicus Judaeorum gesagt ist, so ergibt sich, daß hier platea und vicus den gleichen Sinn haben. Das stimmt bestens zu dem Umstande, daß tatsächlich der Perwer von jeher nur eine einzige Straße zählte (eigentlieh isfs auch heute kaum anders). 2 Discretus hochachtbar, ehrbar, ist die stehende Ehrenbezeichnung für Männer bürgerlichen Standes, zumal für• städtische Ratsmitglieder im Mittelalter. . 8 Camerae servi Kammerknechte heißen die Juden als solche, die an die (fürstlichen) Kammern (Hofgutverwaltungen) eine’gewisse Geldsumme c zu entrichten hatten und dafür den Schutz des Fürsten genossen. Ursprünge lieh war dieser Schutz das ausschließliche Vorrecht der deutschen Könige, seit Heinrich IV. (1103), während die erste urkundliche Erwähnung unter Friedrich I. (1182) statthat.' Erst im 14. Jahrhundert wurde die Kammerknechtschäft zur regelrechten Sklaverei mit allerhand widerwärtigen Folgen. Zur seihen Zeit auch ging unter schwachen Kaisern der Judenschutz auf Landesfürsten, Bischöfe und Städe über. — Uebrigens wurden auch schon