Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Perwer von Salzwedel
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 317 (sequence 1)
- Language
- German
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317 Der Perwer von Salzwedel. Von D. D1\ Julius Boelimer in Magdeburg-Cracau. Der südöstliche Teil der Stadt Salzwedel heißt der Perwer, seit, langem Perver geschrieben, im Volksmund nicht minder als im amtlichen Gebrauch. Auch Straßennamen lauten darnach: die alte Perwerstraße, die neue Perwerstraße; ebenso ein Stadttor,, das Perwert or. Der Name' Perwer kommt urkundlich 1241 zum ersten Male vor, die!Form Perver erscheint nicht vor 1373. Später gehen beide Schreibweisen nebeneinander, gelegentlich in demselben Schriftstück. So liest man in einem Protokollbuch des Klosters zum heiligen Geist, das dort lag (das Protokollbuch ist abschriftlich vorhanden in den sogenannten Soltquellensien), die statuta villanonun Penverensium 1489•—1505, und in ihnen: in domo Schulteti nostri Perwerensis . . . coram omnibus villanis nostrae viila-e Perwer .... in. praesentia omnium villanorum villae Perver. In der ältesten Perwer-Urkunde (1241) erteilen die askanischen Markgrafen Johann der Erlauchte und Otto III. den Insassen des Hospitals zum heiligen Geist, das soeben gegründet war, das Recht, sich selbständig einen Kaplan zu wählen. Dabei ־wird der Bauplatz als fundus civitati Soltwedel. et Perwer adiacens bezeichnet. Bischof Gerhard von Verden spricht 1252 von hospitale sancti Spiritus, quod interiacet civitati Soltwedel et villae Perwerae. Dagegen redet Papst Innocenz II. 1253 von hospitale sancti Spiritus in Soltwedel. Aehniich ist 1268 vom Georg-Hospital, das im Perwer von jeher neben dem Heilig-Geist-Kloster bestand (und besteht, während dieses längst ver-. schwanden ist) gesagt, daß es als domus leprosorum in Soltwedele bestehe. So Markgraf Otto (s. 0.), der 1289 auch wörtlich wie Innozenz II. (s. 0.) von hospitale sancti Spiritus in Soltwedel spricht. Bischof Konrad von Verden weiß 1297 von domus leprosorum in Perwer iuxta Soltwedel zu sagen. Und 1298 beurkundet Markgraf Otto ecclesia sancti spiritus in Soltwedel sita extra muros, gleichzeitig und ähnlich der Rat von Salzwedel domus sancti spiritus extra muros nostros in Perwere. Derselbe Rat bezeugt 1330 domus sancti Georgii. foris civitatem Soltwedel* und um die gleiche Zeit domus sancti spiritus in Perwer. Endlich ist 1373 vom Georg-Hospital (im zweiten Fall) mit dem Zusatz in fine villae Perver (so zum ersten Male!) sitae die Rede. Aus diesen urkundlichen Bezeugungen des 13. und 14. Jahrhunderts ergibt sich bei aller Verschiedenheit in der Ausdrucksweise eindeutig, daß damals der Perwer zur Stadt gehörte. Andernfalls wären Wendungen wie civitas Soltwedel et Perwer (1241), domus leprosorum in Soltwedel (1268) unmöglich. Sie wirken aber mit zwingender Ueberzeugungskraft, weil ihre Urheber, die Markgrafen, in Salzwedel herangewachsen und zu Hause waren. Abweichende Ausdrücke (,,außerhalb der Stadt“, ,,außerhalb der Mauern“) erklären sich daraus, daß hier einzig auf die Lage, nicht auf die politische Zugehörigkeit Bedacht genommen ist. . Es kommt hinzu, daß der Perwer ursprünglich nichts von einem Dorfean sich hatte, nie Acker oder Wiese oder Feldmark zu ihm gehörte; daß die Stadt Salzwedel aber von jeher die Unterhaltung des Pflasters im Perwer, auf Straße und Feldmark, zu leisten hatte u. dgl. Erst im späten Mittelalter, als allmählich das Heiliggeistkloster und der Propst von Salzwedel Polizei- und Gerichtsgewalt im Perwer an sich‘ gerissen hatten, bahnte sich die Trennung von der Stadt und die Entstehung eines Dorfes Perwer an. Dieses Dorf hat bis 1907 bestanden und ist erst damals wieder mit der Stadt vereinigt worden.