Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Notizen aus Dernschwams Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel (1533/55)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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244 ״ Judenschulen sollen ln Konstantinopel 42 oder mehr sein, eine jede* Nation geht in ihre Schule. Die Juden leihen den Türken nichts, denn diese• halten keinen Glauben. Die Juden genießen in der ganzen Türkei Freizügig-, keit und Handelsfreiheit. Und es ist kein Ort in der Welt, von wolier in Konstantinopel nicht Juden wären, und es ist keine Ware, mit der die Juden nicht umgingen und handelten. Und sobald nur ein fremdes Schiff von Alexandrien, Kaffa, Venedig und anderen Orten ankommt,, sind sie die ersten darüber. .Audi bringen sie alle Edelsteine, die aus Indien durch Persien nach Konstantinopel kommen, zuwege, bieten wohl einem Stein um 200 Fl., der nicht einen Pfennig wert ist. So spotten auch (S. 110) die Juden unser, daß die Türken sie nicht fangen, stehlen, zu Sklaven machen und verkaufen dürfen. Auch halten sie das für ein großes Wunder, daß der Türke, als er die Juden von Ofen weggeführt, sie nicht hat verkaufen lassen, sondern sie alle freigegeben und nur zinsbar gemacht hat. Wären sie verkauft worden, hätte es allen Juden in der Türkei Verderben gebracht, weil sie nach ihrem Brauch zur Aus* lösung aller verpflichtet gewesen wären. Wie denn vor kurzem, als ein türkisches Schiff, auf dem viele Juden sich befanden, gefangen genommen und nach Malta geführt worden war, die Juden von Konstantinopel sie losgekaufi haben.“ ,,So ist ein deutscher Jude aus Eisenstadt zu Ostern in Venedig auf ein Schiff geschleppt und nach der Türkei verkauft worden, den die Konstantinopler J uden im Jahre 1554 auch ausgelöst und im Jahre 1555 nach Venedig geschickt haben.“ ״Viele Marranen, das sind die aus Juden zu Christen gewordenen, wie es in Spanien geschehen und auch anderswo geschieht, die, wenn sie sich ernähren können, zu Schelmen werden und dem Galgen entrinnen, kommen alle nach der Türkei und werden wieder zu Juden .... Auch die von einem Land zum anderen zwei- oder dreimal sich taufen lassen um Geldes wegen, damit sie daneben Handwerk lernen können, findet man alle zu Konstantinopel und in der Türkei. Sie ernähren sich zum Teil mit' ihrem Handwerk, wie auch ein Buchbinder, der in Breslau lang ansässig gewesen, mit zweien Söhnen hierher gekommen ist und ungefähr im darauf folgenden Jahre 1552 auch seine Tochter. So findet man unter den Juden auch etliche verzweifelte1 Christen, die zum Teil hier in der Türkei gefangen worden sind oder draußen mit Ruten gestrichen, verurteilt2 und dem Galgen entronnen waren, die dann irgendwo durch die Juden den Türken um des Gewinnes wegen (S. 111) abgekauft worden oder sonst unter sie geraten sind, sodann der Juden Glauben angenommen und sich haben beschneiden lassen, damit sie unter den Juden ein wenig freier seien. Denn die gefangenen Christen haben unter den Türken sehr schwer zu leiden, müssen alle Arbeiten verrichten, die Türken ernähren, haben keine Ruhe, und kein besseres Essen als die Hunde.“ ״Ungefähr 1552 ist ein gelehrter Deutscher zu Konstantinopel gestorben, der auch Griechisch und Ärabisch verstand. Er war unter die Juden geraten und hatte ihren Glauben angenommen, auch Hebräisch gelernt, muß irgendwo draußen ein Schelmenstück getan haben oder ein Wiedertäufer gewesen sein, soll zu Wittenberg studiert haben. So kenne ich auch einen, welcher oft zu mir in Konstantinopel gekommen ist, mit Namen Samuel, soll zu Krakau bei einem Kaufmann gedient haben, ist aus einem Christen zu einem Juden geworden, muß irgendwo ein Bubenstück getan haben. Und die Juden berühmen sich, daß jährlich viele Christen hierher kommen und zum Judentum übertreten.“ ״Ungefähr am 14. Juni 1554 hat man einen Juden, der Türke geworden war, mit einem türkischen Kopfbund angetan, in der Stadt herumgeführt.“ Der Zweck dieses Herumführens war, wie Dernschwam hinzufügt, den Uebergetretenen stadtbekannt zu machen, um seiner, wenn er rückfällig würde, schnell habhaft zu werden und ihn dann ohne Barmherzigkeit zu verbrennen. S. 112 ״Unter den Juden findet man allerlei Handwerker, die sich mit ihrer Arbeit ernähren und sie öffentlich betreiben, denn in der Türkei ist jeder frei, wo er will, im Hause, im Kramladen oder auf der •Straße sein Handwerk auszuüben . . ., wann er nur dem Sultan seine Steuer zahlt und auch den 1Verzweifelt im Sinne von abtrünnig. 2 Im Text heißt es ״verczelt“.