Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Notizen aus Dernschwams Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel (1533/55)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 S. 106 ,;Und wo irgend Juden in allen Länden vertrieben werden, kommen sie alle in der Türkei zusammen, wie ein Ungeziefer über einen Haufen, reden deutsch, welsch1, spanisch, portugiesisch, französisch, böhmisch2, polnisch, griechisch, türkisch, syrisch, chaldäisch und andere Sprachen mehr. . Wie ein jeder gewohnt ist, also trägt er auch seiner Sprache nach Kleider, meist.lange Kleider, wie die Walchen3 und Türken pflegen und .auch die Griechen, einen Kaftan, das ist einen zugegürteten Unterrock, darüber einen Oberrock von •gutem Tuch und Seidengewand. Wie die Türken weiße Kopfbunde, also tragen die Juden gelbe. Etliche fremde Juden tragen noch die welschen schwarzen Barette, etliche, die Doctorös oder Wundärzte sein wollen, tragen rote, spitzige, längliche Barette4.“ S. 107 Zu Konstantinopel sind ihrer viel übereinander, wie die Ameisen. Die Juden selbst sprechen von einer großen Anzahl. Aber in der Steuer sollen im vergangenen Jahr 1553 gewesen sein 15 035 Juden5 ohne die Weiber und Kinder, und der Christen ihrer . . . 6785, die alle dem Sultan den Zins zahlen, den man. har ad sch nennt. Sie (sc. die Juden) haben keine Landgüter, viele jedoch eigene Häuser. Wo sie aber Unterkommen können und ihre Gassen •haben oder sonst einen Platz, wo sie ihr Brod finden, wohnen sie lieber zur Miete in fremden Häusern, die meist den Kirchen und Pfaffen6 gehören. Wenn die Häuser abbrennen, müssen die Pfaffen6 wieder bauen. Sie haben elende 'Stinkende Häuser und liegen ihrer viel übereinander, so daß natürlich auch '.alljährlich die Pest unter ihnen ausbricht. Sie wohnen im niederen Teil der Stadt nah zum Meere. Nicht weit von Adrianopel ist Saloniki. Allda sollen viel mehr Juden wohnen als zu Konstantinopel, an 20 000, wie sie sagen, ■darunter viele Tuchmacher, deren Erzeugnisse man nach der ganzen Türke i ausführt.“ ,,Und welche Juden nun alt geworden sind und etwas zu verzehren haben, ziehen nach dem heiligen Land und geh Jerusalem .... Die vermögenden Juden schicken .ihnen auch Unterstützung nach Jerusalem. Dehn •dort ist kein Geld zu gewinnen, auch keins vorhanden. S. 109 ,,Die selbigen Juden Kharaim7 sind reicher als die anderen Juden, zu 100 Mille Fl. lind 150 Mille Fl. Sie wuchern am meisten, nehmen von 1 FI., in Gold, wie auch ändere, einen Asper per 1 Monat8 und .alle 3 Monate muß man den Zins zahlen. Und es leiht ihrer keiner., wie auch andere, außer auf ausreichende Pfänder von Silber öder Gold. Auch leihen sie gegen genügende Bürgschaft für den Fall, daß ihnen die Pfänder verbrennen oder bei einer Feuersbrunst abhanden kommen würden. Sie nehmen auch von anderen •Juden Wucher, was ihnen sonst im Gesetz verboten ist. Es sollen ihrer in Konstantinopel 50 bis 80 Häuser sein, an 200 Seelen ohne Weiber und Kind er. Sie haben die besten Häuser von Stein, tragen gute seidene o-der damastene Kleider, Männer und Weiber, und alle Weiber goldene Ketten , an Hals und Armen. Sie haben ihre eigene Schule. Dergleichen Juden Kharaim sollen zu Kaffa und auch in Reußen sein, sonst nirgends mehr.“ 1 Welsch ist ±= italienisch. 2 Dernschwam war aus Brüx in Böhmen und hat Böhmisch verstanden , "also ist seine Angabe sicher richtig. 3 Walachen. 4 Im Text piretlen d. h.' kleine Barette. 5 Diese Zahl ist sicher viel zu hoch geschätzt, s. Babinger, Anmu z. St. 6 Unter Kirchen und Pfaffen meint Dernschwam hier un d anderswo ׳־die Moscheen und mohamedanischen Geistlichen. 7 Die Karäer. 8 Unter dem Floren in Gold ist der Florentiner Goldgulden oder Dukaten zu verstehen, der über 9 Mark wert war. Dann aber Wäre, selbst wenn wir den Wert des Asper noch so hoch schätzen wollten, 1 Asper monatlicher Zins vom i Fl. nur einem Zinsfuß von etwa 1:2 Prozent jährlich entsprechend, womit Dernschwams Bemerkung ,,sie wuchern am meisten“ in argem Widerspruch stünde. Es steckt also in D.’s Bericht irgendwo ein großer Fehler. Vielleicht soll es statt ,,einen Asper per einen: Monat“ heißen ״einen Asper per einen Tag“, was einer Verzinsung von ■ungefähr 35 Prozent jährlich, also einen bei kurzfristigen Darlehen sogar sehr niedrigen Zinsfuß ergäbe.