Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Taufbewegung unter den polnischen Juden im XVIII. Jahrhundert
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 15)
- Language
- German
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239 , herrschenden Zustände eine direkt unerträgliche geworden ist, wollten durch die Taufe ihre Lage verbessern und dazu bot sich ihnen reichdich Gelegenheit. Es war Sitte, daß zu Taufpaten der Juden reiche Adelige oder Mitglieder des Hofes gewählt wurden. Diese gaben nun 'ihren Taufkindern reiche Geschenke, die in Geld, Aemtern oder auch in verschiedenen Pachtungen bestanden. Dies lockte zwar 'die ärmeren Volksschichten zur Taufe, aber dieses Mittel hatte keineswegs solche Erfolge erzielt, wie es sich die Geistlichkeit versprochen hatte. Die wohlhabenden und reicheren Juden wollten vermittels der Taufe in der Gesellschaft eine höhere Stellung erlangen. Die Nobilitierung1 unter dem Deckmantel der Taufe zu •erhalten, war ihr einziges Ziel, dem sich auch der Wunsch beigesellte, durch die Taufe in jene Wirtschaftsgebiete zu gelangen (wie Groß- Grundbesitz), die ihnefl als Juden von der Regierung aus unzugänglieh waren. Die Frauen ließen sich, zumeist von erotischen Motiven ge- ' leitet, wie auch durch Ueberreden von Jesuiten und sogar mit Zwang zur Taufe führen.. Von den Getauften sind auch viele durch die Annahme des Christentums seitens ihrer Männer ebenfalls zur Taufe gezwungen worden. Was die Kindertaufen anbetrifft, so sind es zumeist Zwangstaufen gewesen. So hören wir von Fällen, daß Kinder von ihren Eltern geraubt, in eine andere Ortschaft gebracht, daselbst :schnell getauft und einem Kloster zur Erziehung übergeben wurden. Diese Kinder eben bilden für die Jesuiten das beste Material, weil :sie zu guten Christen erzogen werden können, was ja bei der älteren Generation mit Schwierigkeiten verbunden war. - Ebenso sind Fälle, wo einzelne Juden gegen ihren Willen getauft wurden^ auch nicht selten. So wird .im Jahre 1778 die Nichte eines preußischen Schutz- ,juden (Isak Jakob aus Fordon), die sich bei einem polnischen Juden in einem an der schlesischen Grenze gelegenen Besitztum des litauisehen Generals Fürsten' Sapieha zu Gaste aufhielt, von einem Kanonikus entführt und zur Annahme der Taufe gezwungen2. Am Ende des XVIII. Jahrhunderts nimmt zwar die Taufhewegung ab, aber wir hören noch von vielen Taufen jüdischer Mädchen und Jünglinge, die sich freiwillig zu den Jesuiten und Maryavitinnen begaben, um die Taufe zu empfangen. Den Grund dieser Erscheinung finden wir indirekt in der aufkeimenden Aufklärungsbewegung. In Polen, hatte schon die Auf- 1 Zwecks Förderung der Taufe hatte sogar der litauische Adel den König aufgefordert, viele Neophyten zu adeln (Vol. legum VII, S. 420), wobei sie sich auf das Litauische Statut aus dem Jahre 1588 beriefen, welches im XII. Abschnitt, Art, 7 folgende Bestimmung enthielt: ,,Falls ein Jude oder eine Jüdin den christlichen Glauben annehmen, so ist eine jede solche Person und ihre Nachkommenschaft als adelig zu betrachten“ (vol. legum II, S. 166). Der letzte König nobilitierte auch in der Zeit vom 3. bis zum 20. Dezember 48 1764׳ Neophyten. Der Adel in Kronpolen dagegen protestierte auf dem Konvokationsreichstag vom Jahre 1764 gegen die Nobili tierung von Täuflingen, ־weil sie nur wirtschaftlichen Vorteilen zuliebe, die Taufe annehmen. (Vol. 'leg. VII, S. 74.) Dem Könige wurde zugleich gestattet, im Laufe der Zeit nur 10 Neophyten zu nobilitieren. Trotzdem wurden schon im Jahre 1765 19 Täuf-׳ finge, in den Jahren 1782 und 1786 dagegen nur je 2 geadelt. 2 Berliner Staatsarchiv: Judensachen R. 7 .Nr. 30 ddo; 1. 7. 1779.