Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Taufbewegung unter den polnischen Juden im XVIII. Jahrhundert
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829921-2829925-2832227--45835-2832303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Man griff nun zu einem anderen, seit jeher schon erprobten Mittel, dem religiösen Disput. Zaluski und Kobielski sind die wichtigsten Vertreter dieser Richtung. Der erste scheint eine geringere Tätigkeit entfaltet zu haben, ganz anders aber Kobielski. Franz Anton Kobielski war Bischof von Duck und Brzesk, zugleich hatte er auch das Amt eines Hofpredigers bei der damaligen polnischen Königin inne. Er gehörte zu jenen Fanatikern und Finsterlingen, denen alles Nichtchristliche als unwürdig und unberechtigt erschien. Zu seiner eigentliehen Lebensaufgabe hatte er sich die Bekehrung der Juden gemacht. Demzufolge hielt er in den Synagogen Predigten und eiferte die Juden zu Religionsdisputen mit ihm oder seinen Vertretern an. Der bedeutende polnische Schriftsteller des XVIII. Jahrhunderts Hugo K011%taj schildert uns recht ausführlich diese Seite seiner Tätigkeit und erwähnt lobend seinen Bekehrungseifer* 1. Da Kobielski an der Spitze einer an Juden zahlreichen Diözese stand, glaubte er, hier das eigentliche Feld zur Vollführung seines Lebenszieles gefunden zu haben. Doch konnte er nicht alle Ortschäften persönlich besuchen, um mit den Juden Dispute abzuhalten. Aus diesem Grunde erteilte er der ihm unterstellten Geistlichkeit Befehle, solche Dispute zu veranstalten und Judenseelen zu retten. Dank einer in der polnischen Nationalbibliothek zu Lemberg befindliehen Handschrift2 können wir uns eine klare Vorstellung über die Art seiner Dispute machen. Diese Handschrift behandelt ein Religionsdisput des Bischofs mit den Juden in Brody, das zu den größeren Ortschaften seiner Diözese zählte. Dieser Disput scheint sich nicht um vieles von den übrigen zu unterscheiden und kann uns somit als Prototyp dienen. Um uns davon ein klares Bild zu schaffen, werden wir ihn in kurzen Strichen zu schildern versuchen. Dieser Disput scheint in den Jahren 1742—1743, also in der Zeit der größten Intoleranz in Polen, stattgefunden zu haben. Schon früher hatte der Ortspfarrer in Brody, Wydzga, mit den Juden Religionsdispute geführt; doch das schien dem Bischof wenig zu sein. Er selbst 'wollte Fragen an die jüdische Gemeinde richten, um, wie am schnellsten sein Lebenswerk zu krönen und die. Juden einer der bedeutendsten und gelehrtesten Gemeinde in Polen zur direkten Taufe zu zwingen. Er wollte selbst nach Brody fahren, um hier eine Predigt zu halten und sofort die Früchte zu ernten. Doch scheinen Hindernisse in den Weg getreten zu sein, denn er gab die Reise auf und schickte seinen Auditor, der in der Brodyer Synagoge predigen und die vom Bischof selbst ausgearbeiteten Fragen an die Vertreter der Judengemeinde . Ueberzeugung vorherrschen konnte, daß die Juden für Ritualmord zwecke Blut verwenden. Nur in wenigen Schichten der damals aufgeklärten Polen, insbesondere aber in jenen Kreisen, die am Hofe des Königs verkehrten, war bereits die Aufklärung so stark verbreitet, daß man an solche Märchen nicht mehr glaubte. Dieser Ritualmordprozeß ist auf Grund der Prozeßakten von Dr. M. Balaban in seiner Abhandlung: Zydzi w Olkuszu i gminach p arafialnych im N.owy Dziennik Jg. 1921 vom 23. 7. behandelt worden. 1 In seinem Werkchen: Pami^tnik 0 stanie duchowienstwa Katolickiego Polskiego i innych wyznah w polowie XVIII wieku, hgb. von J. K. Zupahski. Posen 1840, p. 42. 2 Der Titel der Handschrift lautet : Refutacya odpowiedz i zydowskiej. Nr. 310.