Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Moritz Lazarus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 191 (sequence 7)
- Language
- German
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191 Wirklichkeit, so sehr die Beziehungen zwischen geistiger und materieller Wirklichkeit in der Typenlehre der Völkerpsychologie zu erfassen sind. So arbeitet Lazarusan der Begründung eines wissenschaftlichen Geschichtsidealismus, der an den Ideen festhält, ohne sie zu mystisch wirkenden Kräften einerseits oder zu bloßen Wirkungen materieller Vorgänge andererseits zu machen. Die Geschichtsphilosophie von Lazarus läßt einen tiefen und reinen sittlichen Idealismus als Quell seines Schaffens erkennen. Auch sein Idealismus ist jedoch nicht abstrakt, sondern wie seine Persönlichkeit Produkt geschichtlicher Kräfte. Lazarus hat den geschichtlichen Boden seiner Persönlichkeit selbst erfaßt: In dem Vortrag ,,Aus einer jüdischen Gemeinde vor fünfzig Jahren“ schildert er mit kulturgeschichtlicher Treue, die von inniger.. Pietät erfüllt ist, das jüdische Leben seiner Heimatstadt Filehne im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, die traulich-enge Welt der in ihrer Religion und der Religionswissenschaft ihr seelisches Zentrum wissenden jüdischen Gemeinde, läßt er erkennen, wie sein einer alten Rahbinerfamilie angehöriges Elternhaus eine Pflegestätte jüdischen Geistes, jüdischer Wissenschaft und Religiosität war. Hier wuchs in dem Knaben jene unauflösliche seelische Verbundenheit mit dem Judentum, die Liebe und Hingabe an seine religiösen und sittlichen Güter heran, die auch den Mann auf der Höhe seinerphilosophischen Leistungen und der Weite seines Lebenskreises, im innigen Verkehr mit den Vertretern der Wissenschaft und Kunst nie aus dem heiligen Kreise seines jüdisch-religiösen Bewußtseins heraustreten ließ. Seine Liebe und sein Verantwortlichkeitsgefühl für die Erhaltung des Judentums bei seiner innigen Berührung mit der Wissenschaft und Kultur führte ihn an die Spitzen der Synoden von 1869 und 1871, die sich zum Ziele setzten, diese Umgestaltung des Judentums im Ausgleich mit der Gesamtheit des Judentums zu vollziehen. Im Bewußtsein in der Treue gegen, die Religion ein heiliges Gut zu wahren, trat er den Angriffen, die auf die Ehre des Judentums in den achtziger Jahren aus dem Stöckerschen Kreise erhoben wurden, entgegen ־־und erklärte, daß die Juden Deutsche seien, so gewiß nie vermißte treue Pflichterfüllung, gemeinsame treue Arbeit mit dem deutschen Volk, gemeinsames Schicksal ihnen ihr Deutschtum als heiliges Recht erworben habe. Aber das Deutschtum, zu dem er sich bekannte, ,,muß ohne jede Felonie gegen angestammte Traditionen und ohne jede Felonie gegen allgemeine menschheitliche Prinzipien bestehen können.“' (Was heißt national? in ״Treu und frei“, Seite 89.) Und endlich unternimmt er es, die ״Ethik des Judentums“ als Inhalt des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins darzustellen. Die Methode, in der Lazarus diese Aufgabe unternahm, ist mit Recht als unwissenschaftlich angegriffen worden. Denn Lazarus glaubte, die jüdisch-ethische Literatur von Jahrtausenden, weil in e Ln e m jüdischen Bewußtsein lebend, gleichsam auf einer Ebene systematisch zusammenfassen zu können, ohne den Sinn der einzelnen ethischen Sentenzen durch die philosophische Durchleuchtung des geschichtlichen Materials zu verändern. In Wirklichkeit erfolgt