Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Moritz Lazarus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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190 das Wesen unseres psychischen Organismus, daß er diese und keine andere psychische Gesetzmäßigkeit für sein Tun hat, das wir in Folge dieser Gesetzmäßigkeit, den Raum, die Größe, das logische Verhältnis und die sittliche Norm so und nicht anders auffassen; von diesem Punkte abwärts läuft eine Kette gesetzmäßiger Ereignisse, diese Tatsachen selbst sind Ereignis, für das wir kein Gesetz haben, keine Ursache kennen. —Die Vermutung aber ist ebenso unbedenklieh wie unabweisbar, daß dort, wo alle Fäden der Kausalität in der Welt und alle Ketten der Teleologie mit ihren letzten Enden zusammenlaufen, auch der Ort ist, an dem die objektiven Ideen gedacht werden müssen." — (Lazarus: Ueber die Ideen in der Geschichte, S. 481.) ׳ Mit so vollendeter Klarheit und begrifflicher Schärfe steckt Lazarus Ziel und Grenzen des neuen Forschungsgebietes ab. In der ,,Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" gründet Lazarus mit Steinthal das Organ, das der Entwicklung der neuen Wissenschaft dienen soll. Eine ganze Generation von Forschern wurde Mitarbeiter der Zeitschrift, in der Philologen und Historiker, Juristen und Theologen, Ethnologen und Philosophen gemeinsam die neuen Gesichtspunkte für die Wissenschaft fruchtbar machten. Statt vieler seien nur Cohen, B. Delbrück, D i 11 h e y, Laband, Paulsen, Ad. und L. Tobler, Windelband ge- ,nannt. Bis in die Philosophie und Psychologie der Gegenwart aber ,.wirken die Untersuchungen von Lazarus über Individual- und Völker- Psychologie, Völkerpsychologie und Geschichtswissenschaft, Natur- Wissenschaft und Ideenlehre nach. Die Untersuchungen ,,Ueber das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit" und die Rektoratsrede ,,Ueber die Ideen in der Geschichte" sind die Begründung der modernen Soziologie und Geschichtsphilosophie, wie erstere von Simmel und Max Weber, letztere von Windelband und Ricke rt entwickelt worden ist. In einer an Lazarus anknüpfenden, aber ihn zugleich übersteigernden Weise fordert Karl Lamp recht und seine Schule Ableitung der Ideen und geschichtlichen Individualitäten aus der Gesetzlichkeit der sozia|psy chischen Phänomene, die Erkenntnis der sozial-psychischen Entwicklungsstufen als Kern der geschichtlichen Erkenntnis ohne aber wie Lazarus den Unterschied von Abhängigkeit oder Beziehung der Ideen auf die reale Wirklichkeit festzuhalten. So tendiert die Ge- Schichtsphilosophie L a m p r echts zum kausalen Monismus, der die Selbständigkeit des idealistischen Bewußtseins aufhebt. In ähnlicher Weise sucht Wundts Völkerpsychologie in der Lehre der Heterogonie der Zwecke eine naturgesetzliche Entwicklung von Sprache,־ Mythos, Religion, Kunst, Sittlichkeit zu begründen. Im Gegensatz zu diesen Uebertreibungen seines Prinzips fordert La za r u s umfassender und darum objektiver eine V erein i g u n g der kausalen und idealistischen Methode der Geschichtserkenntnis, um auf Grund der Typik die Individualität des kulturellen Schaffens in ihrer Bestimmtheit zu erfassen. Das kulturelle Schaffen aber ist eigengesetzliches Phänomen der g eis t i g e n, nicht der materiellen