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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 3 · p. Seite 189

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Moritz Lazarus
Date
1924-01-01
Page
Seite 189 (sequence 5)
Language
German
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189 Ist die Darstellung der Ideen als der Kulturgehalte der wesentliehe Inhalt der Geschichtswissenschaft, so dürfen diese Ideen nicht als Dei ex machina in das Yölkerleben eingreifen, wenn die Geschichte Wissenschaft sein soll. Ebensowenig aber können die Ideen aus den Bedürfnissen und Trieben, dem Mechanismus des Naturlebens abgeleitet werden. Der Geist besitzt in den Ideen der Erkenntnis, wie in den Ideen der Gestaltung die wissenschaftlichen, sittlichen, religiösen, künstlerischen Normen in einem von dem Mechanismus des Trieblebens unabhängigen und selbständigen Bewußtsein, das sein geschichtliches Leben bedingt und gestaltet. So selbständig dieses N ormenbewußtsein ist, das die geschichtliche Wirklichkeit formt, so sind doch die Inhalte des Normenbewußtseins nicht unwandelbar, sondern stehen mit den natürlichen Bedingungen des Lebens im innigen Zusammenhang. ,,Die Ideen sind überall — man mag sie rein ethisch oder historisch betrachten — ohne Abhängigkeit vom Realen des Weltlaufs, aber nicht ohne B e - ziehungzu ihm; sie sind reine Ideen, insofern sie keinen Ursprung im Realen haben, aber sie sind Ideen für das Reale und nicht für eine Welt der Ideen. Ohne diese Beziehung wären sie nicht wirkliche Forderungen, geschweige Kräfte, sondern als abstrakte Schemata gedacht. Dem Ursprünge, wie der Geltung nach sind die Ideen frei, sie dienen nicht, sie herrschen. Aber auch Herrschen ist ein bestimmtes Eingreifen in die Wirksamkeit eines Dienenden/' (Lazarus: Ueber die Ideen in der Geschichte. Zeitschr. f. Völkerpsych. Bd. 3, S. 466.) Eine geschichtliche Erkenntnis der Entwicklung der Ideen aber muß dann die Beziehungen der Ideen zur natürlichen Realität, die Typik des Ideenwandels in dem Entwicklungsgänge der Kulturen erkennen, um den Einzelfall in seiner gesetzlichen Bestimmtheit zu erfassen. Aufgabe der Völkerpsychologie ist es,, diese. Typik, die Gesetzmäßigkeit zu durchdringen, die das Verhältnis der Ideen zur Realität und zu einander bestimmen. Diese Erkenntnis der Typik des Kulturlebens will nicht an Stelle der geschichtlichen Individual-Erkenntnis treten, sondern ihren Erkenntnisgehalt klären und vertiefen. ״Im Gebiete der Geschichte und der Geisteswissenschaften ist man von .jeher mehr bereit und geschickt, das Einzelne zum Ganzen zusammenzufassen/ weil es offen- und unmittelbar als solches sich darstellt, aber ihnen fehlt der Wille und die Methode, das Einzelne zunächst als ein Allgemeines, in seiner Gesetzlichkeit aufzufassen, um dann das Ganze als eine Einheit nicht bloß des Daseins und der Erscheinung, sondern der Prozesse und der Gesetzmäßigkeit durchsichtig zu machen/' (Lazarus: Ueber die Ideen in der Geschichte, S. 472,) Sind so die Ideen nicht transcendente Mächte, sondern treten die Ideen nur im Leben des menschlichen Geistes in die Erscheinung und wechselt ihr Inhalt im geschichtlichen Leben, so ist Lazarus doch weit entfernt, darum die Ideen für nur subjektiv zu halten. Die Evidenz der Ideen, die um so tiefer gefühlt wird, je reiner die sittliche Kraft der Hingabe an die Ideen ist, verbürgt ihre Objektivität, ihre Wahrheit. Die Einheit des Selbstbewußtseins der Persönlichkeit ruht auf ihnen, ,,es ist die Natur,

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