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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 3 · p. Seite 188

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Moritz Lazarus
Date
1924-01-01
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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188 verdankt, und besteht ihr Wert in der Stärke, mit der sie die idealen Güter sich zu eigen und zu seelischem Besitz macht. (Lazarus; Ueber das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit in ,,Leben der Seele“ Bd. 1, S. 348 ff.) Findet sich der Einzelne so in der Gesamtheit und entwickelt sich in ihr, so unterscheiden sich die Gemeinschaften der Völker durch die Verschiedenheit der kulturellen Inhalte und wird demnach auch der Inhalt des Gemeinschaftsbewußtseins in den verschiedenen Kulturkreisen ein verschiedener sein, je nachdem staatliche Machtentfaltung oder geistige Werte und diese wieder in ihrer Mannigfaltigkeit und endlich die verschiedene Beteiligung der Gemeinschaftsglieder an dem kulturellen Leben der Gemeinschaft das Selbstbewußtsein bestimmen. Die für das Gemeinschaftsleben wichtigste Kulturform der Volksgemeinschaft,' die die bedeutendsten natürlichen und geistigen Güter umfaßt, wird also nicht geographisch durch Abgrenzung eines Territoriums, oder physiologisch durch Bestimmung der natürlichen Merkmale der Rasse, des Blutes und selbst nicht allein durch die Gemeinsamkeit der Sprache zu umgrenzen sein. Sondern die Eigenart des Kulturbewußt־ seins eines sich zusammengehörig fühlenden Volkes begründet die Einheit des Volkes. So ist Volk nicht ein naturwissenschaftlicher Begriff, sondern ein Begriff des geschichtlich gewordenen Selbstbewußtseins. Ein Volk ist eine Menge von Menschen, welche sich für ein Volk ansehen, zu einem Volke rechnen. Dieses Bewußtsein aber ruht auf den gemeinsamen Kulturgehalten, die dem Gemeinschaftsleben Richtung und Färbung geben. So rechnet nach anderen Merkmalen der Franzose jemanden zu seinem Volke, nach änderen der' Deutsche, nach anderen der Amerikaner. Volksgeist, Volksbewußtsein״ ist eine geschichtliche Größe. Genies aber sind diejenigen, die dem dunklen gemeinsamen Kulturwillen hinreißenden Ausdruck und klare Ziele geben.'. In den Institutionen des Rechts, der Wirtschaft, des Staates besitzt die Gemeinschaft die Kristallisationen ihres, objektiven Geistes. (Lazarus: Ueber das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit in ״Leben der Seele“ Bd. 1, S. 371 ff.) In welchem Verhältnis steht nun das Völker psycho־ logisch erfaßte Leben des Volkes zur geschichtlichen Erkenntnis des Völkerlebens? Die Völkerpsychologie teilt mit der Geschichte ihr Objekt, die Erkenntnis des Volkslebens. Sie hält mit der Geschichtswissenschaft daran fest, daß das Leben des Volkes nicht als Naturprpzeß, sondern in den kulturellen Inhalten Objekt wie der Geschichtswissenschaft, so der Völker- Psychologie ist. Während aber die Naturwissenschaft die allgemeinen Gesetze des Naturgeschehens, die Geschichts- Wissenschaft die einmalige; individuelle Entwicklung der K u l t u r v o r g ängezu erfassen sucht, ist es Aufgabe der Völker- Psychologie, die Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen, die der individuellen Kulturentwicklung zugründe liegen. «

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