Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Moritz Lazarus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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; 187 Persönlichkeit aufs glutvollste von der Bedeutung der Gemeinschaft für die kulturelle Entfaltung der Persönlichkeit durchdrungen. . Das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaf t psychologisch zu klären wurde der Griindtrieb seiner wissenschaftlichen Arbeit. Hier nun hatte er einerseits die Auseinandersetzung mit der romantischen Gesellschaftslehre, die alles Kulturleben auf das mystische Wirken des Volksgeistes zurückführte, zu vollziehen und an Stelle der Mystik Wissenschaft zu setzen, und andrerseits mit dem Individualismus abzurechnen, der das Gemeinschaftsleben und seine Inhalte aus dem Bedürfnis der Individuen und ihrem Egoismus abzuleiten suchte. Und zugleich mußte die Psychologie des Gemeinschaftslebens in ein begrifflich klares Verhältnis zur Darstellung der Kulturentwicklung wie sie Inhalt der Geschichtswissenschaft ist, gebracht werden. Diesen Aufgaben soll die Völkerpsychologie dienen, wie Lazarus die von ihm begründete neue Wissenschaft nannte. In unwiderleglicher Klarheit entwickelte Lazarus, daß so wenig die Gemeinschaft eine von den einzelnen getrennte seelische Existenz, etwa in einem für sich bestehenden Volksgeist besitzt, die Gemeinschaft nur die Summe der isoliert für sich existierenden Individuen sei. Die romantische Geschichtsphilosophie mit ihrer künstlerisch-idealistischen Verklärung der geschichtlichen Wirklichkeit, ihrer metaphysischen Vergewaltigung der Tatsachen durch Konstruktionen eines absoluten Idealismus, wie sie die Hegels che Geschichtsphilosophie darstellt, hatten die wissenschaftliche Geltung in dem Zeitalter der Naturwissenschaft verloren. Um so energischer drang eine atomisierende Betrachtung auch des geschiehtliehen Lebens von der Naturwissenschaft her in die Geisteswissenschaft ein und war man geneigt, das Gemeinschaftsleben und seine Gehalte aus den Bedürfnissen und Trieben der Individuen und ihres Egoismus abzuleiten. ־ In Buckle und Bastian lag der Versuch vor, vom Individualismus her eine moderne Geschichtsschreibung zu begründen. Hier nun setzt die Arbeit von Lazarus und seines intimsten Geistes- und Gesinnungsgenossen. Steinthal ein. Von der Psychologie der Sprache ausgehend, zeigen sie, wie die Sprache nur in der Gemeinschaft ihre Entfaltung erfährt und zugleich das Band ist, das die Einzelnen zu geistiger und seelischer Lebensgemeinschaft verbindet. In dieser Gemeinschaft des Geistes und der Sprache entwickeln sich die geistigen Inhalte, die die Lebens- und Kulturformen der Gemeinschaft bilden, Sitte, Recht, Wirtschaft, Technik,- Mythos, Religion, Wissenschaft, Kunst. So wurzelt der Einzelne nicht nur in der Natur, sondern ebenso sehr in der idealen Natur der Gemeinschaft, in deren Rhythmus sein Leben hineingeschlungen ist, als deren unablöslichen Teil er sich empfindet. Erst allmählich gelangt der Mensch zu gesonderter Empfindung seiner Individualität. Aber auch dann beruht die Individualität auf den geistigen Inhalten, die sie der Gemeinschaft 13*