Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 24)
- Language
- German
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149 Widerspruch. Wie in dieser klassischen Zeit des Talmud, so hat sich auch nachher der Pilpul entwickelt, und ist der Pilpul bekämpft worden. Auch die Späteren haben oft scharf über den Talmud geurteilt, nicht nur die Fernstehenden, deren Meinung nicht maßgebend sein kann. Auch seine größten Kenner sind mancher seiner Aeußerungen mit Zurückhaltung oder mit ausgesprochenem Tadel gegenübergestanden, und auch im späteren talmudischen Schrifttum wird jene prüfende und absprechende Kritik laut, die uns auch in anderen Wissenschaften entgegentritt, und die mit der größten Liebe zur Sache Hand in Hand gehen kann. Niemand hat über die Jurisprudenz schärfer geurteilt, als Rudolf von Ihering. ,,In dürren Blättern säuselt der Wind״', das war sein Urteil über die neue juristisehe Literatur. ,,Wäre ich noch einmal jung, ich würde ein anderes Fach erwählen/', hat dieser Meister des römischen Rechts bekannt. Und doch hat gerade er durch seine positiven Leistungen, wie durch seine Kritik die Rechtswissenschaft gefördert, wie nur wenige. Und eine solche Kritik begegnet uns auch in dem weiten Bereich des talmudischen Schrifttums. So behandelt Jacob Tarn die Spitze der talmudischen Deutungskunst, jenen Symmachos, der auf neunundvierzig verschiedene Weisen zeigen konnte, daß rein sei, was die Thora unrein nennt, und er nennt das einen חריפות של הבל, einen eitlen, nichtigen Scharfsinn (Sanh. 17a, Toss. s. v. שילדצ). Bis zu einem gewissen Grade ist dieses Urteil berechtigt, darüber hinaus können wir ihm nicht folgen. Immer bekämpft ist der Pilpul immer wieder neu erstanden. Einer, der ihn beseitigen wollte, Zu .c k e r - mandel, erklärt von den wenig gewürdigten Acharonim (Ges. Aufsätze II, Zur Tossefta und anderes, S. 7) ,,Frankel, der ein wissenschaftliches Erfassen des Talmud anbahnte, steuerte dem Pilpul dadurch, daß er die späteren Erklärer (Acharonim) ausschaltete und sich auf die älteren (Rischonim) beschränkte. Aber durch Quantität konnte der Pilpul nicht beseitigt werden. Die Fragen der Acharonim stoßen unwillkürlich bei längerem Nachdenken immer wieder auf‘. Die Sebara im Talmud ist aus Bedürfnissen des Geistes erwachsen und aus dem inneren Zwang, den ,die religiöse Ueberzeugung von der Einheit, der Ewigkeit und der Unabänderlichkeit der Thora> ausübte. Sie wurzelt in geschichtlichen Verhältnissen, in der Notlage, in die die Zerstörung des jüdischen Staates, der Verfall des Synhedrions, der Mangel an einer gesetzgebenden Gewalt seit Jahrtausenden das Judentum versetzte. Angeregt durch die Berührung mit griechischem Geist ist sie aus dem Leben des Judentums nie mehr verschwunden. In unserer eigenen Mitte immer geliebt und bekämpft zu gleicher Zeit, immer viel umstritten, hat sie ihren großen Anteil an der Erhaltung der geistigen Einheit des Judentums. Sie hat es frisch und lebendig erhalten, In der Form der dialektischen Umdeutung vollzog sich im Judentum still und in den Grenzen, in denen sie möglich sind, Entwicklung und Fortschritt. Sie verhalf dem Leben, zu seinem Recht gegenüber dem geschriebenen Gesetz. Darum hat sie auch ein gewisses, ewiges Recht. Sie hat ihre Wurzeln in inneren Gegensätzen, in dem Widerstreit, der/nicht von Menschen geschaffen, in der Tiefe der Dinge selber schlummert. Und darum gilt auch für den talmudischen Pilpul jenes schöne Wort,