Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 22)
- Language
- German
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■147 am Jom^Häkkippürim.schlimmen Unfug trieb, wurde als״Babylonier“ bezeichnet. ״Es waren in Wirklichkeit keine Babylonier, sondern Leute aus Alexandria, aber weil die Palästiner die Babylonier haßten, nannten sie sie so“ (Joma 66a, b). Diese geringe Schätzung rührte davon her, daß die Babylonier in den Tagen Esras, als ihnen die Möglichkeit zur Rückkehr nach Palästina gegeben war, in Babel geblieben waren (Joma 66b, Raschi s. ומחוך ששונאיו). Frankel (Darkhe hamischnah S. 188) nimmt als Grund an, die Babylonier hätten in der Zeit der Makkabäerkämpfe und auch später die Palästiner nicht unterstützt. Auf die einzelnen Zeugnisse dieser unverkennbaren Abneigung (vgl. noch außer den angeführten Stellen Joma 9b, Sabb. 145b, Men. 100a, j. Pes. 32a unten) brauchen wir hier nicht einzugehen. Jedenfalls zeigt sie sich auch in der Halachah in der entschiedenen Ablehnung, mit der palästinische Autoritäten ־den Pilpul der Babylonier betrachten. ״Wer geht und kommt, hat keinen Frieden,“ sagt der Prophet Sacharjah (Kap. 810). Rabbi Jochanan aber, der vornehmste der palästinischen Amoräer, hat diesem Pror phetenwort eine merkwürdige Deutung gegeben: ,,Selbst wenn er vom palästinischen zum babylonischen Talmud geht“ (Chagigah 10a); Noch viel stärker aber, als bei den palästinischen Lehrern tritt uns diese Skepsis gegenüber der speziellen babylonischen Art bei jenen babylonischen Lehrern entgegen, die ihre Heimat verlassen hatten, nach Palästina übergesiedelt waren, und nun in ihrer neuen Heimat eine starke Abneigung gegen die Wissenschaft bekundeten, die sie als junge Menschen in Babel gelernt hatten. Eine solche Wandlung vollzog sich an Seira, der um das Jahr 200 n. Chr. nach Palästina auswanderte. ״Als Seira nach dem Lande Israel kam, verbrachte er hundert Tage im Fasten, damit er den babylonischen Talmüd vergesse, damit er ihn nicht störe“ (B. M. 85a). Er steht zum babylonischen Talmud ähnlich, wie Humanisten der Renaissance zu der Scholastik, in der sie erzogen worden waren.“ ״Ich habe nur den Wunsch, das zu vergessen, was andere eifrig zu lernen sich mühen. Wenn es so manchen gibt, der diese Kostbarkeiten um hohen Preis zu kaufen wünscht, so gäbe ich viel darum, mich dieser unwissenden Gelehrsamkeit entledigen zu können,“ schrieb im 16. Jahrhundert Ludwig Vives, der Reformator der Pädagogik (Ernst Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit I, S. 125). Und der Leidenschaftliehe Unmut, mit der er der Dialektik in den babylonischen Jeschiboth gedachte, verrät sich noch in dem Worte, das er aussprach, als er nach seiner Uebersiedelung nach Palästina die Meinung änderte, die er in seiner Heimat zu einer halachischen Frage eingenommen hatte, und eine neue sich bildete. ״Die Luft des Landes Israel macht weise“ (B. b. 158b). In diesem Dank an das heilige Land verhüllt sich ein scharfes Urteil über das Land seiner Heimat und über die Studien, die er dort getrieben hatte. ״Seitdem ich nach dem Lande Israel gezogen bin, habe ich mein Herz darauf gerichtet, mein früheres Studium zu verlassen und die Wahrheit der Dinge zu ergründen,“ umschreibt Samuel ben Meir Seiras Empfindungen gegenüber Babylon und Palästina. Er war nicht der einzige Zögling babylonischer Lehrhäuser, der mit Zorn an die Schule seiner Jugend zurückdachte. 10*