Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 21)
- Language
- German
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146 desto mehr, und die babylonischen in höherem Grade als die palästinischen, deren Talmud anderthalb Jahrhunderte früher abgeschlossen worden ist. So entwickelte sich jene spezifisch babylonische Dialektik, deren der’Talmud gedenkt, die ״gezwungenen Antworten der Baby- Ionier“ (Tem. 21a), oder die Geistesart, die am ausgeprägtesten im Zentrum des Talmudstudiums herrschte, in Pumbeditha, wo sie ״einen Elephanten durch ein Nadelöhr ziehen“ (B. m. 38b). Dieser Stil hat in jener ausgeprägten Eigenart, in der er sich im vierten nachchristlichen Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der Amoräerzeit, in Babylon äußerte, einen besonderen Namen erhalten, הרות דאביי ולבא (Sukkah 28a, B. b. 134a. Die wörtliche Bedeutung des Ausdrucks ist zweifelhaft. Bacher, Terminologie II, S. 48, 49). Er stand in engem Zusammenhang mit dem Bestreben dieser Generation, System und Ordnung in den angesammelten gewaltigen Stoff der Ueberlieferung zu bringen. So erklärt auch Samuel ben Meir (B. b. 134a), Abaji und Raba hätten viele Mischnajoth und Boraitoth gegeneinander gestellt und beantwortet. Diese ausgeprägte Form des Denkens ist von jeher viel bewundert worden, hat aber womöglich noch mehr W i derspruch gefunden.• Aus seinem Pilpul wird dem Talmud für gewöhnlich.ein Vorwurf gemacht. Nirgends aber ist er stärker erhoben worden, als in einzelnen Aeußerungen des Talmuds selbst. Dieses große Werk ist nicht nur ein Denkmal der Dialektik, sondern auch ein Monument des Kampfes dagegen. Dieses sein zweites Antlitz ist allerdings weniger bekannt geworden. Seine Träger waren palästinische Lehrer, noch mehr aber jene babylonischen Amoräer, die ihr Heimatland verlassen hatten und nach dem heiligen Lande übergesiedelt waren. In Palästina herrschte stellenweise von Alters her eine starke Ab neigung gegen die r a b b i n i s c h e n Disk 1! s s i o n e n überhaupt, und Spuren davon haben sich auch im Talmud erhalten. Nur spärliche Bruchstücke freilich. Denn die Kreise, in denen dieser Widerspruch zu Hause war, waren eben die, die im Talmud nicht zu Wort gekommen sind. Dieser stellt nicht etwa das Denken des gesamten palästinischen, und babylonischen Judentums dar. Manche sahen die gesamte rabbinische Exegese als praktisch unfruchtbar an. So meinte man im Hause des uns sonst nicht weiter bekannten Arztes Benjamin: Was nutzen uns die Rabbiner!? Niemals haben sie uns einen Raben erlaubt oder eine Taube verboten. Die Deutung der Rabbinen könne an dem Laufe der Welt und an den einmal bestehenden Satzungen nichts ändern (Sanh. 99b). Und falls Weiß Recht haben sollte, wäre selbst Rabbi Meir ein Gegner der scharfen Dialektik gewesen. Aber .unzweifelhaft ist der Gegensatz der palästinischen Amoräer gegen den Pilpul ihrer baby- 1 o nischenKo 11 e g e n. Er hängt wohl mit dem ausgesprochenen und oft bekundeten Widerwillen, ja Haß, zusammen, mit dem der Palästiner überhaupt den Babylonier betrachtete. Er war keineswegs die einzige Empfindung, sondern auch die Zeugnisse hoher Schätzung begegnen uns oft, aber er fehlte auch nicht und machte sich lebhaft genug bemerkbar. Die Plebs, die, als der Tempel noch stand; dort