Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 20)
- Language
- German
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145 Söller, mit seinen Zweifeln und mit seinen Fragen. Der Jeruschalmi scheue sich nicht, die Mischnah gezwungen zu erklären, manchmal sogar mehr als der Babli. Freilich gebrauche er nicht weithergeholte Argumente zur Erklärung der Mischnah, er entfremde diese auch nicht ihrem einfachen Wortsinne, sondern er erkläre sie aus sich selbst heraus, scheue aber bei dieser Aufgabe nicht vor Zwang zurück. Frankel stellt dabei eine Maxime auf, die bei talmudischen Untersuchungen ganz besonders Gehorsam fordern darf. Die Seele, die nach Erkenntnis dürste, begnüge sich nicht mit allgemeinen und oberflächlichen Urteilen, sondern sie sehne sich nach den Quellen, um das Recht eines jeden der beiden Talmude festzustellen. Aber auch in Babylon tritt uns die Dialektik von Anfang an im stärksten Maße entgegen, und sie entwickelt sich dort immer mehr bis zum Abschluß des babylonischen Talmuds. Sie zeigt sich dort in der Epoche der Tannaiten. Drei Tannaim stammen aus Babel, Hillel, Symmachos und Nathan (Frankel, Darkhe hamischnah S. 188). Von diesen aber sind mindestens die zwei ersten Meister der Sebara, Schöpfer der Tradition und nicht nur ihre Bewahrer. Die besten Sachkenner, die den babylonischen und den palästinensischen Talmud mit einander verglichen haben, finden den Pilpul in beiden, keineswegs nur im babylonischen. Aber sie finden allerdings die Gedankengänge der Babylonier schwieriger, künstlicher und weiter hergeholt, als die der palästinischen Lehrer. Ohne auf näheres einzugehen,. berufen wir uns abermals auf das Urteil von Zacharias Frankel. Er schildert (Mebo Hajeruschalmi S. 29b) die Momente, in denen der Babli dem Jeruschalmi ähnlich ist, betont aber,׳ der erste bringe oft weitgeholte Erklärungen und seziere die Mischnah mit dem Messer des Scharfsinns. Als Grund führt er unter anderem an, in der Fülle der Tage sei die Erörterung gewachsen, und die späteren Amoräer hätten es geliebt, mit Fragen und mit Antworten Berge zu zerreißen und Felsen zu zerschmettern, denn bei den früheren Amoräern, wie Rab und Samuel, finde man diese Methode nicht. Sie hätten außerdem das Gebiet der Halachah nicht nur in Ordnung bringen, sondern auch erweitern wollen und in der Mischnah einen Stützpunkt für die von ihnen neu erzeugte Halachah zu schaffen versucht, genau so, wie es die Tannaiten mit der Bibel gemacht hätten. Die späteren babylonischen Amoräer hatten ein größeres Erbe zu verwalten, und immer mehr wuchs die Schwierigkeit, zwischen sp vielen und verschiedenen Elementen Ordnung zu schaffen. Immer ausgedehnter wird die Masse, die dem sichtenden Gedanken unterworfen wird, immer größer die Zahl der möglichen Kombinationen, immer höher die Schwierigkeit, eine einzige von ihnen, nämlich die vollkommene Uebereinstimmung, als die mögliehe oder gar als die allein mögliche zu erweisen, immer stärker also auch die dialektische Kunst, die angewandt werden muß. Nach einer bekannten Geschichte hat Karl Y. sich im Kloster zu Sanct Just mit dem Problem beschäftigt, zwei Uhren zu völlig gleichmäßigem Gang zu bringen, und hat es nicht lösen können. Noch viel weniger hätte er es bei einem Dutzend Uhren fertig gebracht. In einer ahnliehen Lage aber befanden sich die späteren Amoräer, je später, Monatsschrift, 68. Jahrgang. 10