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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 2 · p. Seite 144

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 144 (sequence 19)
Language
German
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144 Hörern1 und Kollegen allerdings eine bedenkliche Unsicherheit. Er wußte alles.zu beweisen, und so wußte denn sein Auditorium niemals, ob es ihm mit seinen Argumenten denn auch eirnst sei. Was ihn dazu führte,*ist uns heute unbekannt. War es seine eigene Neigung? Oder verurteilte er im Gegenteil diese ganze ״Logik des Scheins" und wollte er damit nur die damals neue oben erwähnte Logik des Rabbi Akiba ad absurdum führen? So faßt W e i ß die Sache auf (Dor dor wedorschow II, S. 148/9). Jedenfalls tötete dieser Pilpul sich selber, denn er entwertete seine eigenen Argumente. Die beispiellose Kunst der Dialektik, die man an Meir bewunderte, gab dem großen Rabbi die Möglichkeit, alles zu beweisen, was er wollte, und darum hatte man kein Vertrauen zu seinen Gedankengängen. Denn da er eben alles bewies, so konnte das, was er bewies, ebensogut auch falsch sein. Hier, auf einem Gipfel, war die Dialektik zum Selbstzweck geworden, die Halachah war nur der Stoff, an dem sie sich erprobte. Dies war das Urteil, das die Mitwelt über Meir und die Nachwelt über seine Schüler fällte. Der Meister, der an geistiger Kraft seines gleichen suchte, hatte sich selbst um die ihm gebührende Autorität gebracht, weil das, was er sagte, vieldeutig war. In seinem persönlichen Schicksal tritt jene Tragik zu Tage, die über der Dialektik schwebt, und deren wir. am Eingänge gedachten. Die Halachah folgt ihm, ihrem großen Führer und Schöpfer, nicht, und die Folgen dieses Widerstreits, in dem der Talmud selber der Dialektik gegenübersteht, machen sich bis auf den. heutigen Tag bemerkbar. ״Offenbar und bekannt ist es vor dem, auf dessen Geheiß die. Welt entstand, daß im Zeitalter des Rabbi Meir keiner war, wie er. Warum aber hat man die Halachah nicht so, wie er lehrte, festgesetzt? Weil seine Genossen nicht wußten, was er am Ende meine. Denn er nannte das Unreine rein und brachte dafür eine Auslegung, und das Reine nannte er unrein und brachte auch dafür eine Auslegung" (Erubin 13b). Und die folgende Generation machte sich dieses Urteil zu eigen, als sie die Schüler Meirs aus dem Kreise der Talmide Chachamim ausschloß. ״Nach, dem Tode von Rabbi Meir sprach Rabbi Jehuda zu seinen Schülern: Die Schüler von Meir dürfen nicht ins Lehrhaus eintreten, weil sie Chikanöre sind. Sie kommen nicht, um Thora zu lernen, sondern sie wollen mich mit Halachoth erschlagen" (Kidduschin 52b, Nasir 49b). Raschi begründet dieses Urteil mit der Dialektik der Schule. Die Schüler hätten zeigen wollen, daß sie scharfsinnig ,seien, und daß keiner ihnen gegenüber bestehen könne. Auch in der Amoraerze.it war die Dialektik in Pa 1 ä st in a zu Hause. Sie tritt in dem palästinensischen Denkmal dieser Epoche, dem J erus chalmi, sehr stark zu Tage. Frankel (Mebo Hajeruschalmi S. 28b.) verwirft völlig das weitverbreitete Urteil, ״der babylonische Talmud ersteige in der Diskussion die höchsten Berge und steige hinab in die tiefsten Tiefen, während der Jeruschalmi den Fragen und Erörterungen ein Ende setze und seine Wasser den Weg des ruhigen Nachdenkens gingen". Wer in die Tiefen des Jeruschalmi hinabsteige, werde sich bei diesem Urteil nicht begnügen. Denn auch der Jeruschalmi ersteige mit seinen Fragen die höchsten Höhen, er erfliege sie und steige zur Beantwortung in die Tiefen des Meeres hinunter, er baue manchmal Fels auf Fels und Söller auf

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