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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 2 · p. Seite 143

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 143 (sequence 18)
Language
German
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143 So erwähnt David Hoffmann ein wichtiges Werk aus dem 19. Jahrhundert, die Giddule Taharah von Mendel Kargau, ״worin drei Paragraphen des Kapitels 201 des Joreh Deah als mit dem Talmud und älteren Codices nicht übereinstimmend nachgewiesen werden. Kein gesetzestreuer Rabbiner, der dieses Werkchen gelesen hat wird von nun ab in diesen Paragraphen wie der Schulchan Aruch entscheiden, bis er nicht die Beweise des Giddule Taharah widerlegt hat/‘ (Der Schulchan Aruch und die Rabbinen über das Verhältnis der Juden zu den Andersgläubigen. 2. Auflage, Berlin 1894, S. 39.) Rabbi Meir hatte durch die Kraft seines Denkens und seiner Dialektik die vollkommene Macht über die talmudische Norm und schaltete über sie als ein Herr. Er zeigte, wie die Thora auf neunundvierzig verschiedene Arten erklärt werden kann. Im Gewände eines Deuters Heiliger Schriften wirkte er in Wahrheit wie ein Gesetz?• geber, und er ist die lebendige Verkörperung des wahren Charakters der Sebara. Man hat diese schwer verkannt, wenn man in ihr nichts gesehen hat als den geistigen Sport einzelner Menschen. In Wirklichkeit ist sie eine nationale Angelegenheit gewesen. Die Halachah, die auf ihr beruht, ist eine religiöse Gesetzgebung, die ohne Gesetzgeber rein durch die Wissenschaft, ausschließlich durch das Denken entwickelt worden ist. Der Pilpul hatte geradezu eine p o 1 i t i s c h e F u n k t i o n. Er schuf einen Ersatz für die fehlende gesetzgebende Gewalt, nachdem diese durch den Untergang.des Staates und durch den Wegfall des Synhedrion erloschen war.. Auch er gehört infolgedessen zu den Kräften, die das Judentum erhalten haben. Aber gerade die Wirksamkeit un d das Schicksal von Rabbi Meir zeigen uns auch die schweren S c hatte n - ■seiten, .die-mit ihm unausweichlich verbunden sind, und die man auch in der ganzen talmudischen Entwicklung niemals verkannt hat. Allzuscharf macht schartig, und je größer der Scharfsinn, desto größer der Irrtum (B. m. 96b, Niddah 33b u. ö.). Die Dialektik betrachtet die Dinge von allen Seiten, sie dreht sie und wendet sie und zeigt sie in neuem Licht. Auf diese Weise kann sie der Wahrheit dienen. Es gibt Richter, die in schwierigen Fällen zwei entgegengesetzte Urteile machen und begründen, eines, das die Klage abweist und eines, das ihr stattgibt, eines, das den Angeklagten freispricht und eines, das ihn verurteilt. Und sie rühmen die klärende Kraft einer solchen allseitigen Betrachtung, die. ihnen einen Einblick in die Tiefe der verwickelten Verhältnisse gibt, sodaß sie ein richtiges Urteil fällen können. Die Dialektik kann aber auch die Kunst des Sachwalters sein, der unbekümmert um die Wahrheit mit ihr spielt und die Dinge so lange dreht, bis sie aussagen, was er will. Und auch in dieser Funktion tritt sie uns allenthalben entgegen. Die Sophisten verstanden es, ״die schwächere Sache stärker zu machen“ (Platon, Apologie II). Unter seinen nächsten Mitarbeitern schätzte Bismarck ganz besonders hoch den Geheimen Legationsrat Abeken, weil er, von Haus aus Theologe, ״es verstand, ein Thema pro et contra mit der gleichen'Fülle der Diktion und Argumentation zu behandeln“ (Busch, Fürst Bismarck als Leiter der politischen Abteilung, Deutsche Rundschau; Oktober 1911, S. 51). Und gerade die berühmten halachischen Deduktionen Meirs hinterließen bei seinen

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