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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 2 · p. Seite 142

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 142 (sequence 17)
Language
German
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142 würdigen und eigentümlichen Form des menschlichen und talinudisehen Denkens. Der Pilpul hat sich noch in zahlreichen anderen Formen geäußert. Aber unbestritten war er niemals, sondern er hat immer auch starken W i d er Spruch gefunden. Infolgedessen kann auch der Talmud als ein Denkmal des Kampfes um die!Dialektik und ihr Recht beträchtet und studiert werden; Die Sebara in ihrer scharfen Ausprägung tritt uns schon bei den Tan n a i t e n entgegen, und sie war auch nur natürlich bei der allgemeinen Aufgabe, die diesem gestellt war. Zahlreiche Zeugnisse der Halachah aus verschiedenen Zeitaltern lagen ihnen vor, und sie bemühten sich, zwischen diesen verschiedenen Dokumenten Harmonie zu. stiften und möglichst zu zeigen, daß sie einander nicht widersprechen. * Sie hatten die mündliche Lehre mit der schriftlichen in Einklang zu bringen und mußten von der Voraussetzung einer ursprüngliehen Harmonie zwischen beiden ausgehen. Der Talmud selber übt K r i t i k an den Ergebnissen dieser ausgleichenden Forschungen und beurteilt sie durchaus nicht gleichmäßig. ״Die Auflösung von Gelübden schwebt in der Luft und hat keinerlei Stütze. Die Vor- Schriften über den Sabbat sind wie Berge, die an einem Haar hängen, denn hier sind wenige Bibelstellen und viele Halachoth. Die Vor- Schriften des Zivilrechts aber haben eine Grundlage, auf die sie sich stützen/' so urteilt die Mischnah (Chagigah I, 8). Um die schwere Aufgabe, an einem Haare Berge aufzuhängen, hatte sich ganz besonders Akiba bemüht, und es konnte dabei nicht ohne dialektische Künste abgehen. Seine Ergebnisse aber waren für die meisten Zeitgenossen eine tiefe Wonne. ״Wer möchte doch den Stäub von Deinen Augen nehmen/‘ so bedauerte Rabbi Josua den Tod seines Lehrers Jochanan ben Sakkai, weil er eine besonders scharfsinnige Deutung Akibas nicht mehr erlebt hatte (Sotah 27b u. ö.). Durch diese Methode hat Akiba die gesamte mündliche Lehre, zwischen deren einzelnen Sätzen man nicht immer den Zusammenhang, hatte finden können, zusammengefaßt, sodaß ihre Gesetze wie die vielfache Entwicklung eines einzigen Baumes erschienen, als Zweige aus der gleichen Wurzel. In diesem Geiste und auf diese Art wirkten auch andere tannaitische Lehrer. Sie erwarben sich ihren Ruhm, aber sie wurden auch bekämpft. Dafür ist besonders Rabbi Meir ein Beispiel, der wichtigste Schüler von Akiba, auf dessen Arbeit vorzugsweise. die Mischnah zurückgeht. Mit Begeisterung priesen die Zeitgenossen diesen großen Lehrer, der die höchsten Berge ausriß und aneinander zerrieb (Sanhedrin 24a. Die Berge sind hier das Bild für große Komplexe halächischer Bestimmungen). Meir j hat Normen neu begründet und andere entwurzelt, indem er zeigte, daß sie in Wirklichkeit keine Gültigkeit hätten. Auch dieser Nachweis, daß eine vermeintliche Halachah keine Gültigkeit hat, oder daß sie zwar gilt, aber jung ist, ist eine wichtige Aufgabe der halachischen Forschung und kann praktisch von der höchsten Bedeutung werden. So erklärt der Schach, man finde über das Salzen des Fleisches nichts im Talmud und dürfe deshalb bei halachischen Entscheidungen darüber nicht zu rigoros sein (Sifthe: Cohen zu JorehDeah Kap. 69 § 13 n. 53).

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