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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 2 · p. Seite 137

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 137 (sequence 12)
Language
German
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137 wenige Fälle, namentlich auf den des Mordes, eingeschränkt haben. Der Weg des Talmud führt auch zum Ziel, wird aber leicht dialektisch und gewunden. Die Absicht des Vernehmenden wird darauf hinauslaufen, die Zeugen aufs Glatteis zu führen, und das ganze Verfahren ist leicht mit einer gewissen Unaufrichtigkeit behaftet, die sich auch den Zeugen mitteilt. Darum mahnt Simon ben Schetach (Aboth I, 9) : ,,Prüfe sorgsam die Zeugen, sei aber vorsichtig mit Deinen Worten, sie könnten daraus lernen, zu lügen.“ Die Gemara kennt aber noch einen weiteren Weg, um der Vorschrift der Thora zum Trotz Todesurteile möglichst auszuschließen. Sie lehrt die d i a 1 ektischeBearbeitungdesGesetzes. Lag das erste Mittel auf dem Gebiete der Prozeßführung, so bietet sich für das zweite die Interpretation und Deutung des Gesetzes. Eine Bestimmung kann so gemodelt und gedeutet werden, daß der vorliegende Fall nicht mehr darunter paßt oder daß wenigstens die Todesstrafe nicht mehr anwendbar ist. Für diese Art von. Auslegung hat die Gemara ein eigenes Wort ״ein totes Reptil für rein erklären“, einen der eigentümlichsten Termini des ganzen rabbinischen Schrifttums. Nach der Thora macht die Berührung mit einer toten Maus, einem verendeten Reptil, levitisch unrein (Lev 1129 ff.). Mit Hilfe von allerhand Schlüssen kann aber ein guter Dialektiker trotzdem nachweisen, daß diese einfache und klare Vorschrift nicht zutrifft, und daß ein Mensch trotz der Berührung mit den dort genannten acht Reptilien rein bleibt. Wie das zu machen sei, erfahren wir aus der Gemara selbst. So teilt Rab einen solchen Gedankengang mit (Sanh. 17a): ״Wenn jemand, der die Schlange, die tötet und die Unreinheit mehrt, berührt, rein bleibt, (da sie ja nicht unter den von der Thora genannten acht Arten auf gezählt ist), wird einer, der ein Reptil berührt, das nicht tötet und nicht die Unreinheit vermehrt, desto mehr rein bleiben.“ Die Gemara erhebt selbst ,einen gewichtigen Ein wand gegen diesen überraschenden Gedankengarig. Trotzdem wird er ein paar hundert Jahre später von Rabina, einem der spätesten Amoräer, abermals entwickelt (Erubin 13b). Und dieses Argument ist nur eines unter vielen. Es gab Tannaiten, denen nachgerühmt wurde (Erubin cit.), daß sie das gleiche Ergebnis auf hundertfünfzig verschiedenen Wegen deduzieren konnten, und Rabbi Meir hatte einen' Schüler, Syxnmachus, der achtundvierzigfach nachweisen konnte, daß das, was die Thora rein nennt, unrein, sei, und umgekehrt. Das Wort ״ein totes Reptil für rein erklären“ hat daher seine spezielle Bedeutung zunächst auf dem Gebiete der Lehre von rein und unrein. Wichtiger aber ist für uns in diesem Zusammenhange seine allgemeinere Bedeutung für die Probleme des Straf- Prozesses. Hier bedeutet es eine besondere Qualifikation des Rieh t e r s. Er muß ein Gesetz, nach dem der Angeklagte verurteilt werden müßte, so zu wenden verstehen, daß er tatsächlich freigesprochen werden muß. In diesem Sinne bezeichnet es eine Kunst, deren namentlich die Mitglieder des Svnhedrion, des obersten Gerichtshofs, nach der Meinung der Späteren mächtig sein mußten. Nach Rabbi Jochanan, zu dessen Zeit das Synhedrion allerdings schon annähernd zweihundert Jahre nicht mehr bestand, ernennt man zum Beisitzer bei diesem Tribunal nur einen Meister des Denkens,

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