Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 11)
- Language
- German
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136 Prozesses. Dieser ,,Ritualmordprozeß" bietet in der außerordentlich interessanten tmd lehrreichen Darstellung von N:11ß - bäum (Arthur Nußbaum, Der Polnaer Ritualmordprozeß; Eine kriminalpsychologische Untersuchung auf aktenmäßiger Grunde läge. Mit einem. Vorwort von Professor Franz von Liszt. Berlin 1906) auch für unser spezielles halachisches Thema, die Befragung der Zeugen und die Behandlung der lügenhaften Zeugen, ein ungewöhnlich ausgedehntes und auf klärendes Material. In dem Polnaer Prozeß spielte eine große Rolle als Hauptbelastungszeüge Peter Pesak, der aus der Ferne den Hilsner unmittelbar zur Zeit der Tat am Tatort erkannt haben wollte. Sein Standort aber war, wie es sich nachträglich erwies, vom Tatorte 676 Meter entfernt. Die. ärztlichen Gutachter, speziell auch die Ophthamologen, haben festgestellt, daß man auf eine solche Entfernung keinen Menschen erkennen kann (Nußbaum S. 99 ff., 257 ff). Pesak wäre ein einwandfreier Zeuge gewesen, wenn er angegeben hätte, daß er Hilsner nicht erkannt habe. Man hätte dann ein Recht gehabt, Bekundungen von ihm zu glauben. Auf die Befragung der Zeugen nach solchem Detail, von dem sie unmöglich wissen können, legt die Halachah großes Gewicht. Die Mischnah berichtet darüber eingehend im V. Abschnitt des Traktats Maccoth und gibt dort auch gleich ein Bild von der Art des Verhörs. ,,Es geschah, daß ben Sakkai nach den Stielen der Feigen fragte." Die Zeugen hatten bekundet, der Mörder habe die Tat unter einem Feigenbäume verübt, und ben Sakkai fragte sie nun, ob die Stiele der Feigen dick oder dünn gewesen seien. Da sie sich bei der Beantwortung dieser Frage widersprächen, so mußte der Angeklagte freigesprochen werden. Eine ähnliche Geschichte wird in dem apokryphischen Buche Susannah erzählt. Susannah wird von zwei Aeltesten des Ehebruchs beschuldigt, den sie unter einem Baume begangen habe, Daniel aber rettet die bereits zum Tode Verurteilte. Er fragt die beiden Zeugen, jeden für sich: ״Wenn Du diese gesehen hast, so sage, unter welchem Baume Du sie gesehen hast". Der eine gibt dann an, unter einem Mastixbaume, der andere, unter einer Steineiche. ״Und das unschuldige Blut wurde gerettet an jenem Tage" (V. 51 ff.). Auch diese Fragen dienen nicht der Feststellung des Tatbestands. Nicht, jeder Mensch wird eine Eiche von einer Buche, einer Birke, einem Ahorn, einer Platane unterscheiden. Wie wenige wissen Gerste, Weizen, Roggen und Dinkel auseinanderzuhalten! Erst seitdem man sich mit dem Problem der Zeugenaussage näher beschäftigt, weiß man, wie wenig der Mensch von alltäglichen Diiigen, die er immer vor Augen hat, wahrnimmt. Wie wenige können angeben, ob auf dem Zifferblatt ihrer Taschenuhr: römische oder arabische Ziffern stehen! Oder wie die Zahl 6 darauf aussieht! Beim Blick auf diese werden die meisten eine Ueberraschung erleben. Die Fragen, die der Talmud den Zeugen stellt, dienen daher einem ganz bestimmten Zweck. Sie verfolgen nicht die Ermittlung des Tatbestandes, sondern sie haben den ausgesprochenen. Zweck, Widerspräche unter den'Zeugen herbeizuführen, und diese Widersprüche sollen wieder das Mittel zur Ausschaltung der Zeugen und damit zur Vermeidung der Todesstrafe schaffen. Unsere Gesetze haben die -viadirecta .eingeführt, indem sie vor allem die Todesstrafe, auf ganz