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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 2 · p. Seite 113

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Synagogale Poesie
Date
1924-01-01
Page
Seite 113 (sequence 7)
Language
German
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113 auf breiterer Basis behandelt und tiefer angefaßt worden1. Was in unserem Zusammenhang wichtiger ist, man fragt sich unwillkürlich, weshalb im Normalpsalm nur die Elegie, nur Klagen und Leiden, warum nicht auch Hymnen, Bitten usw. und im Vergleich mit ihnen der Piut herangezogen wird. Zunz’ Antwort, daß im Gegensatz zu der nur beschränkten Anzahl von Piutim der Reichtum der Selicha unbegrenzt ist (S. 83), kann ernstlich nicht befriedigen, zumal wenn man die gleiche Unstimmigkeit in anderen Teilen des Werkes gewahrt. Das längste Kapitel des Buches, das vierte (S. 152 bis 333) ist ״Selicha-Dichter“ überschrieben und bietet, neben wenigen biographischen Daten, Uebersetzungsproben. wichtiger Litaneien sowie gereimter und ungereimter Selichas. Warum, so müssen wir wiederum fragen, ist der Piut stiefmütterlich bedacht, gibt es nicht auch in dieser Dichtungsgattung hinreichend edles Gut, dessen Uebermittlung an ein größeres Publikum von Wert gewesen wäre? Und.endlich die beiden geschichtlichen Kapitel ״Leiden“ (S. 9—58) und ״Zwei neuere Jahrhunderte“ (S. 334—363)? ״Leiden sind keine Poesie“ hat Paul de Lagardes Weisheit dekretiert2. Das wird Zunz nicht ganz unbekannt gewesen sein, aber er hielt es für seine Pflicht, zunächst einmal die Basis dieser synagogalen Poesie aufzuzeigen, ״den Jammer, aus dem heraus so viel Seufzer und so viel Tränen allein verständlich wären, anschaulich zu machen und die herzergreifenden Tatsachen, die all die Klagen hervorgerufen, im Ueberblick an uns vorüberziehen zu lassen3.“ Im Zusammenhang des ganzen Buches freilich, im Rahmen des Problems ״Synagogale Poesie“ bleibt die Bevorzugung dieses einen, nur auf einen Teil der synagogalen Poesie bezüglichen Themas auffällig. Eine einfache Lösung für alle diese ..Rätsel der Disposition4 * kann nur die Entstehungsgeschichte des Buches bieten. Zunz gedachte ursprünglich, über die Selicha zu schreiben. Das handschriftliche ״Büch Zunz“ und die ungedruckten Briefe an seine alten Freunde Samuel Meyer und Philipp Ehrenberg6 erwähnen noch kurz vor dem Abschluß der ״Synagogalen Poesie“ die bevorstehende Vollendung eines Buches über S e 1 i c h o t. Erst im letzten Augenblick scheint der Verfasser, da die Fülle des Stoffes den ursprünglichen Rahmen sprengte, sich zur Wahl eines neuen Titels entschlossen zu haben. Was ihn aber von Haus aus gefesselt hatte, das waren gerade die Leiden Israels und ihre Folgeerscheinung, ״der aus der Erde dringende Schrei des Blutes von Hunderttausenden“ (S. 58). Dieses schaurig gewaltige Schauspiel hat den sonst so ruhigen Forscher überwältigt und ihm die Quelle der Tränen geöffnet. Er fühlte die Qualen der Märtyrer tief in seinem Innern, und als er das Kapitel ״Leiden“ schrieb, wurde er mitten in seinen Studien zuweilen so . von Schmerz übermannt, daß seine Frau, die treue Begleiterin seiner Arbeiten, ihn 1 Poetry and Religion, Davis-Le cture, London 1921. 2 Lipman Zunz und seine Verehrer, Mitteilungen, S. 149. 3 D. Kaufmann, Ges. Sehr. I 224. 4 Neuerdings hat auch W. Budde sie beanstandet, Deutsche Literatur- Zeitung 1921, Sp. 372 f. 6 Von Ludwig Geiger s. A. für den Druck vorbereitet und dem ,Archiv der Zunz-Stiftung übergeben; vgl. Monatsschrift LXVII, 1922, S. 902. Monatsschrift, 68. Jahrgang. , 8

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