Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Synagogale Poesie
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 6)
- Language
- German
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112 In solcher Vollständigkeit der literarhistorischen Fragestellung und Betrachtungsweise waren diese Probleme nie erkannt, geschweige denn zur Lösung gebracht worden. Zur Beantwortung war ein gewaltiger Apparat unbekannter Quellen herangezogen, die Zunz zum größten Teil entdeckt und in emsigem Sammelfleiß zusammengebracht, die er mit seinem hellen Auge durchdrungen und erleuchtet hatte. Mindestens ebenso beachtenswert aber wie die Lösung war die Problemstellung. Kein Zweig der jüdischen Ueberlieferung war und ist wissenschaftlich weniger bekannt und gewürdigt als die Liturgie. Den meisten, die sich mit ihr beschäftigen, ist sie so geläufig, — auch Zunz' Darstellung setzt innige Vertrautheit mit dem Gottesdienst und den Gebettexten voraus — daß sie die damit verbundenen literarhistorischen Probleme garnicht sehen1; man muß sich vom Banne der täglichen Gewohnheit befreien, sich über die einzelnen Erscheinungsformen der Riten zu einer Gesamtanschauung erheben können, um die vorliegenden Fragen zu erfassen und ihrer Lösung nächzugehen. Man muß sich vielleicht schon zu dieser Höhe erheben können, um Zunz' oft allzu eng zusammengedrängte grundlegende Darbietungen recht zu würdigen, Daß Frage und Antwort in prägnanter Fassung in einer noch heute, nach drei Generationen, zutreffenden Form geböten sind, das gibt dem Buche seinen bleibenden Wert, verleiht ihm den Stempel des Klassischen2. Eine Unstimmigkeit in dem Werke bildet die Bevorzugung der S e 1 i c h a. Es fällt auf, daß die Darstellung nicht nur in dem soeben besprochenen Hauptkapitel auf diesen Gegenstand abgestellt ist, sondern daß er allein das Thema für die anderen Kapitel bestimmt. Zunz hat richtig gesehen, daß eine gerade Linie von der alten biblischen Poesie zur jüngeren synagogalen führt, er hat den Normalpsalm entwickelt und ihm die Normalselicha an die Seite gestellt. Der Normalpsalm wird ״gleichsam zu einem einzigen Ganzen, welches, bei aller Verschiedenheit der einzelnen Stücke in Motiv und Ausführung, einen durchgehenden Inhalt hat" (S. 2 L). Dem Inhalt des Normalpsalms, wie er in stimmungsvollem Nachempfinden entwickelt wird, entspricht dann der an einer späteren Stelle des Buches dargestellte Inhalt der Normal-Selicha. ״Geschildert werden in selbiger die unglückliche Lage, das Exil, die Unterdrückung, Leiden und Kümmerndes Feindes Uebermacht und Hohn; Märtyrertum und die bessere Vergangenheit; die vergeblichen Berechnungen und Hoffnungen (S. 83 f.) Das Problem des Zusammenhangs zwischen Synagoge und Dichtung ist neuerdings von Israel Abrahams 1 Ein Beispiel für viele. Zu dem oben 8. 110 Anm. 2 angeführten Amram- Zitat bemerkt beim Wort משלש noch der Herausgeber des Manhig Warschau 1885 אולי כונתו על שלשה ובכן! ארי על קדושת ק' כך■ ■ק׳, obwohl bei Zunz, Sym Poesie, S. 65, das Richtige steht! Aehnlicher Unkenntnis begegnet man häufig, selbst bei Frumkin, der so viel wertvolles Material zur Geschichte der Liturgie durchgearbeitet hat. 2 lieber Einzelheiten läßt sich selbstredend streiten. Wir würden heute den Zeitraum, in dem die synagogale Poesie an- und aus gebaut wurde, früher ansetzen als 660—860 (S. 60), auch nicht eine so schlichte Poesie wie איר עולם für ״unstreitig jünger als das sabbatliche אל אדון" erklären (S. 61) usw. Solche Meinungsverschiedenheiten in kleinen Fragen bedeuten nichts gegenüber der Gesamtwürdigung.