Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Synagogale Poesie
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
- Language
- German
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111 Nun sind wir beim Thema, die Selicha wird nach allen Gesichtspunkten der Literaturgeschichte analysiert, wie sie von den Litaneien über die reimlosen zu den gereimten Kompositionen sich entwickelt, Reimarten und Rhythmen verwendet, ״die in den neueren Sprachen viel später sichtbar werden'‘ (S. 89). Nacheinander werden die verschiedenen Kunstformen1 behandelt, Strophenbau (S. 86), Refrain (S. 94 f.) und sein Glanzpunkt, die Verwendung von Bibelstellen zum Strophenschluß erörtert, die häufige Bedingtheit dieser durch ein in den Endungen wiederkehrendes thematisches Wort (S. 97), was ganz so wie die Variation von Bibelworten der Poesie einen eigenartigen Reiz verleiht (S. 100). Zumal dieser Zierrat Einfluß auf den Reim (S. 102) hatte und häufig mit dem Akrostichon in Verbindung stand, jenen absichtlich gewählten Buchstaben, Worten oder Satzteilen, mit denen man einzelne Zeilen und Strophen beginnen ließ. Der Mannigfaltigkeit dieser oft schwer wieder zu erkennenden Erscheinung ist eine eingehende Untersuchung von nie wieder erreichter Gründlichkeit gewidmet (S. 104—113). Die Dichtungen der Synagoge waren Lieder, nicht nur der äußeren Form, sondern auch der Vortragsweise nach, sie wurden wirklich gesungen. Was Zunz hierüber ausgeführt hat (S. 113 ff.), bildet bis auf die Gegenwart fast das gesamte Material über dieses Thema. Erst im letzten Jahrzehnt sind, vornehmlich durch A. Z. Idelsohns Veröffentlichungen2, neue Quellen und neue Gesichtspunkte für die Beurteilung des synagogalen Gesanges erschlossen worden. Als abschließend dürfen auch die sorgfältigen grammatikalisch und geschichtlich orientierten Untersuchungen über die eigenartige Fortbildung der hebräischen Sprache durch die Paitanim betrachtet werden (S. 117 ff.), die Aufstellungen des Textes sind durch umfangreiches Material in den Beilagen 5—17 am Ende des Buches ergänzt. Für die Beurteilung dieses Problems besitzen wir in den seither entdeckten Poesien wohl neue Materialien, aber nicht wesentlich neue Gesichtspunkte, und eine gründliche Verarbeitung dieses Sprachguts im Rahmen eines alle Stufen des Hebräischen umfassenden Wörterbuches bildet noch immer ein Desideratum der Wissenschaft. Die synagogale Poesie bedient sich der Ausdrucksweise von Talmud und Midrasch (S. 126 ff.) und gibt in den Wendungen der alten Quellen, besonders in denjenigen der Hagada den gesamten Inhalt der nationalen Literatur, der nationalen Geschichte wieder, sie wird selber ein Ausdruck der gesamten Taten und Leiden Israels. Die hauptsächlichsten Themen der synagogalen Dichtung, vorzüglich geschichtliche Stoffe, Naturschilderungen, Israels Leiden und Hoffnungen, sittliche Mahnungen, Glaubensbekundungen, Grundfragen des religiösen Denkens und Fühlens werden besprochen und an der Hand von Beispielen aus der Poesie in tbrem nachhaltigen Einfluß nachgewiesen (S. 127—150). 1 Die Metrik wird kaum gestreift, das Thema ist noch heute nicht erschöpft, vgl. zuletzt Halper in JQR. NB. IV 153 ff. Während diese Zeilen niedergeschrieben werden, trifft die Nachricht von Halpers frühem Tod ein. 1חבנל על דאבדין 2 Vgl. besonders sein ישראל mm ארצי I—IV.