Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Synagogale Poesie
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 4)
- Language
- German
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110 dank den Funden aus der Genisa von Kairo, den alten palästinischen Ritus sowie zahlreiche Zeugnisse der in seinem Geltungsbereich entstandenen religiösen Poesien entdeckt, wir sind durch Aufhellung der Uebergangszeiten tiefer in das Geheimnis der Grundformen der synagogalen. Poesie eingedrungen. Aber wenn wir uns auch sicherer fühlen und den Weg klarer vor uns sehen, so bleibt doch Zunz der Pfadfinder, dessen Hauptlinien wir auch heute noch folgen müssen und dürfen. Zunächst war die Erkenntnis von Bedeutung, daß Piut und Selicha eine Einheit bilden, daß sie nur in der Anwendung, nicht in der Form und im Inhalt verschieden sind/ daß beide zum allergrößten Teil die gleichen Stoffe behandeln und den gleichen Gattungen der Poesie angehören, daß sie nur in verschiedenem Zusammenhang erscheinen und dadurch verschiedenes Aussehen haben. Der Piut tritt uns in geschlossenen Kompositionen entgegen, die Selicha auch als Einzelgedicht. Zunz geht auf die Anfänge dieser Poesie zurück, legt zunächst dar, wie der Piut in Jozer- oder Maarib-, in Keroba- oder Schibata-Kompositionen als organischer Bestandteil in das Gebet eingearbeitet, dann aber auch als lose Poesie an die Stammgebete angehängt ist (S. 61—74). Es folgt dann die Betrachtung der Selicha, deren Anfänge auf den Versöhnungstag zurückgeführt werden (S. 76) — was nicht ganz zwingend ist, da die ältesten Arten der Selicha, die Aneinanderreihung von Bibelversen und die Litaneien mit gleichem Recht aus dem Zeremoniell bei öffentlichen Fasten hergeleitet werden können1. Die Verbindung zwischen Selicha und Piut ist im Maamad für den Versöhnungstag gegeben, für den Zunz ein paitanisches und ein spanisches Schema unterscheidet (S. 78); erhalten aber hat sich nur das letztere, während ersteres wahrscheinlich aus einer irrigen Ueberlieferung erschlossen ist2. Als Vorläufer des Versöhnungstages wird der Neujahrstag betrachtet und darum anschließend der Inhalt der Keroba für dieses Fest behandelt (S. 80f.) ־—ohne zu berücksichtigen, daß die Kompositionen für andere Feste den gleichen Bau haben. Aber das Ziel war die Feststellung der Tage, in deren Gottesdienst die Selicha eine Rolle spielte, und des infolge ihrer Häufigkeit überwältigenden Reichtums der Selicha-Dichtung. ,,Während der Piut Bibelstellen verarbeitet, kann die Selicha selbst aus solchen bestehen; jener gehört dem öffentlichen Gottesdienste, dem Feste, diese der eigenen Andacht, Buße und Fasten. Jener gibt Geschichte und Midrasch, diese Empfindung und Gegenwart: wird Piut zur Prophetie, so wird Selicha zum Psalm“( S. 83). 1 Elbogen, Der jüd. Gottesdienst, S. 222. Die Bedeutung der Aneinanderreihung von Bibelversen für die Selicha ist bei Zunz nicht scharf genug her-; vorgehoben. . 2 Zunz’ Quelle ist Manhig, 59 § ה׳ צום כ&ור, wo es heißt 1כתבנ רב עמרם ויורד ואומד מגן ומחיה ומשלש‘ואומר מעמד שיש בו רצר וסליחה. Im Text von Amrain, ed. Frumkin, 11.347,■ aber beißt es nach der Oxforder Handschrift ויורד ש״ץ ואומר במגן.ובמחיה ובהמלך הקדוש דברים שיש בהם רצוי וסליחה. Das Wort מעמד bat. Manhig angeführt, weil ihm die Bezeichnung geläufig war. Auch das vorhergehende Zitat aus Amram das., das Zunz S. 65 Anm. g benutzt, fehlt in den Anaram Hss.