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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 2 · p. Seite 109

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Synagogale Poesie
Date
1924-01-01
Page
Seite 109 (sequence 3)
Language
German
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109 schriftlichen Schätze von Turin und Parma kennen zu lernen1. Auf dem Grunde dieser Durchmusterung von mehr als fünfhundert Handschriften und unbekannten Druckwerken ruht die ,,Literaturgeschieht© der synagogalen Poesie'״, deren Erscheinen zunächst ausgeschlossen schien und nur durch das glückliche Eingreifen von Moritz Lazarus ermöglicht wurde2. Die Zuweisung des Stoffes an die einzelnen Abteilungen des Gesamtwerkes ließ sich am Anfang noch nicht ganz übersehen und erfolgte nicht immer nach klar erkennbaren, streng sachlichen Gesichtspunkten. Den Kern des Bandes ״Synagogale Poesie“ bildet das Kapitel ״Piut, Selicha“ (S. 59 ff.). Hier hat Zunz bahnbrechende Forschungen vorgetragen, er hat als erster die Grundformen und Gesetze, die Sprache und die dichterische Gestalt der synagogalen Poesie dargestellt. Abgerundete Untersuchungen dieser Art finden sich vorher nirgends; Michael Sachs3 war am Empirischen, den Werken der wenigen Dichter, die er gerade.zu behandeln hatte, haftengeblieben; Leopold Dukes hatte manches Wertvolle ״zur Kenntnis der neuhebräischen religiösen Poesie“4 beigetragen, aber es waren mehr aphoristische Bemerkungen als abgerundete kritische Forschungen, mehr ein Umgang um die Peripherie des Piut als ein Vordringen zum Mittelpunkt; Moritz Steinschneider5 endlich hatte die Terminologie gedeutet, ohne den Zusammenhängen nachzugehen. Zunz hat ihre Vorarbeiten benutzt, sich aber eine weitergehende Aufgabe gestellt. Er suchte, auf Grund seines ungeheuren Materials den organischen Aufbau der gesamten synagogalen Poesie zu finden und zu bestimmen, am Einzelnen das Allgemeine, das stets Wiederkehrende, das Gesetzmäßige zu erkennen. Man muß sich die Sorglosigkeit vergegenwärtigen, mit welcher die mittelalterlichen Ab- Schreiber geschaltet, die noch schlimmere Verständnislosigkeit, mit der die Buchdrucker die Poesie der Synagoge entstellt haben, die unglückselige Erstarrung und Veräußerlichung der gottesdienstliehen Formen im Auge behalten, vermöge deren die Schönheit und der Wert dieser Poesie vollständig verwischt waren. Es ist nicht übertrieben, wenn wir behaupten, daß im traditionellen deutschen Machsor nicht eine einzige Komposition sich so erhalten hat, wie der Dichter sie sich dachte und verwendet wissen wollte. Hier war Wiederherstellungsarbeit zu leisten, der Boden von Stein und Geröll zu reinigen, ehe an die eigentliche Aufgabe herangetreten werden konnte. Zunz hat durch mühsame Vergleichung die alten Knnstformen ermittelt, ihr Verständnis erschlossen und hat für seine Zeit Abschließendes geleistet. Die Wissenschaft freilich ist bei seinen Ergebnissen nicht stehen geblieben, wir haben inzwischen, vor allem 1 Das, und Moritz Lazarus’ Lebenserinnerungen, bearb. von Nahida Lazarus u. Alfred Leicht, B. 493 ff. Die Vatikanische Bibliothek war damals noch nicht zugänglich, Rom wurde von Zunz nicht besucht. S. ,,Die hebräisehen Handschriften in Italien. Ein Mahnruf von Dr. Zunz“, Berlin 1864. Ges. Sehr. III, 1 ff. 2 Lazarus das, S. 493 f. Die Vorrede ist vom 26. Sept. 1865 datiert. ® Die religiöse Poesie der Juden in Spanien, Berlin 1845. 4 Frankfurt am Main 1842. 5 Jüdische Literatur §§ 18, 19 in Ersch & Gruber, Allg. Encyklopädie, II. Sect., Bd. 27, S. 420 ff.

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