Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kants Bedeutung für das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
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■■"־ ' 106 der jüdischen Religion. Die Liebe zu Gott ist im Judentum der Quell der Menschenliebe. Ihn zu lieben und seinem Dienste sich zu weihen, ist der Sinn alles Menschenlebens. Sein 'Dienst aber fordert Nachahmung des Guten, das sein Wesen ist. Wir schaffen nicht die Idee des Guten, sondern aus Gott leuchtet sie uns entgegen. Die uns erfüllende Liebe und Treue sind Boten Gottes in seiner Welt. Und - wie Gott der Schöpfer der Welt ist, soll unsere Liebe alle seine Ge-r schöpfe, die Träger seines Lichts, die Menschheit umfassen. Der Jude liebt die Welt in Gott. Die Liebe als Grund des sittlichen Lebens aber kennt keinen ewigen Kation stets gleicher sittlicher Pflichten, wie ihn die reine Vernunft zeitlos auf baut. Denn die Liebe verbindet individueile Menschen und Menschenkreise, sie kennt und bewahrt die Individualität der Persönlichkeit, Familie, Volk und Menschheit. Diese stets gleich heilige Kraft des Menschenherzens weiß die ־ Steine eines jeden Zeitalters immer neu in Brot zu verwandeln. Nicht ist das Gute ein starres Gesetz der reinen Vernunft, sondern geht aus der Genialität des Herzens in immer neuen unberechenbaren Formen hervor. Die Ethik des Judentums fordert, im Strom des geschichtlichen Lebens die göttlichen Ziele der Zeit mit ,der Kraft der religiösen Verbundenheit zu erfassen und zu verwirklichen1. Das Reich Gottes ist nicht, sondern es wird und der Mensch soll Organ des göttlichen Willens sein, der lebendiger Ges c h i c h t s w i 11 e , keine logische Entität ist. Die Welt ist nicht fertig, auch nicht in der Idee ihres Zieles, sondern sie wird. Der lebendige Odem Gottes erfüllt sie. Das ist ihr ewiges Geheimnis, so begreiflich das Gewordene erscheint. Wie die Menschen weit ist die Natur in der Anschauung des Judentums dem Menschengeist verborgen und offenbar. Die Ordnungen der Natur sind Satzungen Gottes, ■seinem Willen entstammt und zugleich dem Geist zugänglich und erkennbar. Nicht der Mensch trägt Ordnung in die Welt der ״intelligiblen Zufälligkeit“ hinein,, sondern in der Erkennbarkeit der Welt leuchtet uns der Geist Gottes entgegen. So ist auch das Gesetz der-Mechanik nicht das universelle Weltgesetz, sondern über dem Reich der m e c h a n i s c h e n Naturkräfte erhebt sich das Reich des Lebens , der unberechenbaren schöpferischen Natur mit den rätselhaften Kräften und Bildungen des Lehens. Die Wirklichkeit ist größer und rätselvoller als die 1 Die relative Starrheit des jüdischen Gesetzes ist nicht der vollständig adäquate Ausdruck seines Grundes der Gottesliebe, sondern die der weitgeschichtlichen Lage des Judentums entsprechende, seinen Bestand als gottgeweihte Gemeinschaft sichernde Form. Nie aber hat das Judentum seihe universelle Ethik aufgegeberi.