Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kants Bedeutung für das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829921-2829924-2832083--45668-2832128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
105 reine Ausdruck der modernen Kultur, daß die Autonomie des Stibj e k t s der :schöpferische Grund der Welt ist. Gemäß jener Kopernikanischen Wendung, die Kant der Philosophie gegeben hat, ist das Ich Schöpfer des Naturbegriffs, der Idee des Guten, des Schönen, der Gottesidee. Die K a r t e s i a - nische Tradition der modernen Philosophie, die Welt vom Ich aufzubauen, erreicht in Kant ihre bedeutsamste Ausprägung. Und so gewiß der Subjektivismus der Kantischen Philosophie nicht anarchischer Individualismus ist, ist doch die autonome kons t r u k t i v e Tat der Erkenntnis Grund aller objektiven Ordnungen in Natur und Sittlichkeit, die Harmonie menschlicher Seelenkräfte Quell des Schönen, die Forderung der Menschen-Vernunft Grund des religiösen Glaubens. Hingegen begreift das Judentum wohl auch die Welt als Tat des Geistes, aber nicht als ״Tat des Menschengeistes, sondern Gottes. In eine vom Willen Gottes ins Dasein gerufene und beherrschte Welt ist der Mensch hineingestellt, nicht als Sklave, sondern als ihr Beherrscher im Dienste Gottes. Nicht der Mensch, sondern Gott ist der Angelpunkt der Welt. Das Bewußtsein von der Willensmacht Gottes erfüllt die jüdische Religion in ihrer ganzen Geschichte. Von ihr aus versteht das Judentum die Welt, seine eigne nationale Geschichte, die Geschichte der Menschheit. Dieses Bewußtsein von der Willensmacht Gottes erfüllt in gleicher Weise die Propheten wie die Schriftgelehrten, Bibel und Talmud; und auch die jüdische Religionsphilosophie, so weit sie sich dem griechischen Weltbild auch anpaßt, nimmt hier ihre entscheidende Korrektur des neuplatonischen und aristotelischen Weltbildes vor. Und dieses Gottesbewußtsein ist keine rationale menschliche Erkenntnis, sondern ein bis in die Wurzeln des Volkstums dringendes E.rlaß tsein von der in jeder Lebensregung empfundenen Wirksamkeit Gottes. Es gibt bis tief in die Neuzeit hinein kein jüdisches Bewußtsein ohne religiöses Bewußtsein. Die Verbundenheit mit Gott ist der Lebensgrund des Judentums. Diese Verbundenheit wird gefühlt als Ergriffenwerden oder Erwähltwerden durch Gott und die absolute Hingabe an seinen Dienst. Darum die Schätzung des Kultus als der Sphäre, in der Gottes Nähe und sein Wille den Menschen, ergreift. So ist auch die jüdische Religion nicht eine Religion der a üto - nomen sittlichen Tat, die auch als Forderung Gottes^gewußt wird, sondern ist diese sittliche Tat vom Feuer der Gottesliebe durchglüht und in die Sphäre der Religion gehoben. Nicht als Einsieht in das selbstgegebene Gesetz ist das Gute das Pathos