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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 2 · p. Seite 104

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Kants Bedeutung für das Judentum
Date
1924-01-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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104 gesehen hat, stellt sich uns um so zwingender dar. Nicht hat H e r - mannCohen die Kantische Philosophie künstlich mit der jüdischen Religion in Einklang zu setzen gebraucht. Das gemeinsame Ethos erfordert es. Die Kantische Negation einer metaphysischen Gotteserkenntnis entspricht dem innersten Trieb der jüdischen Religion, nur die Heiligkeit Gottes als Wesenserkenntnis Gottes zuzulassen, dagegen das W i e seines Schaffens als unergründlich still zu verehren. Die innere Verbundenheit der sittlichen Persönlichkeit mit dem Willen Gottes in der Erkenntnis der sittlichen Forderungen als göttlicher Gebote entspricht der ,,Gesetzesreligion“, die die religiöse Pflichterfüllung als Bekundung der Liebe zu Gott verlangt. Der Inhalt der Gebote des Judentums mit der Einordnung des Individuums in die soziale Gemeinschaft und die Forderung der sozial-ethischen Versittlichung des Gemeinschafts- und Völkerlebens, der prophetische Gedanke der sittlichen Einheit der Menschheit in einem Reich des Friedens und der Gotteserkenntnis sind die religiösen Grundlagen des Kantischen Weltbildes. Die kraftvolle Behauptung des sittlichen Willens als der schöpferischen Macht des Guten und die Abwehr jedes natürlichen oder übernatürlichen Eingriffs in die Freiheit der sittlichen Persönlichkeit bringen im G e g e n - satz zur Erbsündenlehre und dem Erlösungsdogma die Gottebenbildlichkeit des Menschen als des Schöpfers seiner sittlichen Welt, der dadurch Mitschöpfer am Reiche Gottes wird, zum Ausdruck1. Es zeigt sich, daß in Kant die moderne Kultur,‘wie bereits in der Religion der Aufklärung, die weltflüchtigen, pessimistischen, dogmatischen Elemente des Christentums tatsächlich ausgeschieden hat und die prophetische Frömmigkeit der sittlichen Aktivität als sich adäquat empfindet. Trotz dieser tiefgreifenden Uebereinstimmung des Kantischen Weltbildes mit dem Ideengehalt des Judentums aber dürfen wir um so weniger die fundamentale Verschieden hei t des Judentums von der Kantischen Philosophie übersehen. Nicht nur die F o r m der Kantischen Philosophie unterscheidet die Unmittelbarkeit des religiösen Glaubens, wie er das Wesen des Judentums ist/ von der Kantischen Vernunf tnotwen däg k e i t des religiösen Glaubens. Die Kantische Philosophie ist auch darin der 1 Kants Lehre vom radikalen Bösen ist gleichfalls hur eine Anpassung an den christlichen Sprachgebrauch ohne Aufgabe der sittlichen Selbstbestimmung. Vergl. E. Troeltsch: Das Historische in Kants Religionsphilosophie/ S. 85.

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