Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kants Bedeutung für das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 Das Menschenleben aber ist endlich ־and begrenzt. Wie kann es ein unendliches Ziel haben? Die Natur kennt kein sittliches Gesetz und ist doch das Schicksal des Menschen, des Guten wie des Bösen. Wird nicht der Mensch ein Fremdling in der Welt, der unabhängig vom Naturzusammenhang ein Reich der Menschheit nicht nur träumt, sondern zur Grundlage seines Handelns macht? Bricht nicht wieder der Dualismus von Natur und Sittlichkeit j äh hervor und nimmt dem Sittlichen seinen Sinn, den Sinn der Verwirklichung? Das Schöne, dessen Erkenntnis die ,, Kritik der Urteils kraft" gewidmet ist, scheint diese Fragen zur Ruhe zu bringen. In der Welt der Kunst strahlt uns die Harmonie der Sinne und des Geistes entgegen. Ueberwunden ist aller Streit, ausgestoßen alle Bedürftigkeit, die Welt ist vollkommen. Aber die Welt der Kunst ist nicht die Welt der Wirklichkeit. In der Welt des schönen Scheins erkennen wir die Zauberwerke der schöpferischen P h a ntasie, genießen wir die ersehnte Harmonie als Schöpfung des Genies. Vom Guten aber können wir nicht lassen, ohne den Wert unseres Lebens, unseres Wirkens aufzugeben. Ebensowenig ist es jedoch möglieh, die Natürerkenntnis aufzugeben, die unser subjektives Meinen zur Objektivität erhebt. Nun zeigt sich die religiös e Bedeutung des Kantischen Werks in der Art, wie Kant in der ״Kritik der praktischen Vernunft" und der ״Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" die Konsequenzen seiner Naturphilosophie und seiner Ethik entwickelt. Wäre die Naturerkenntnis das Abbild der Wirklichkeit, dann wäre der Widerspruch zwischen unserer Wirklichkeitserkenntnis und den sittlichen Zielsetzungen unlösbar und jede Ethik eine Illusion, die nicht auf dem Boden der Naturwissenschaft stünde, d. h. nicht ihre Eigenart als Erkenntnis des unabhängig von der Wirklichkeit geltenden Sollens auf gäbe. Nun aber hat grade Kant gezeigt, daß die Naturwissenschaft nicht ein Abbild der Wirklichkeit ist, sondern ein von Geist geschaffener Zusammenhang der Erfahrungen ist, mit dem wir die Welt uns begreiflich machen. Die Welt der Erf ahr ung ist nicht die Welt ansi ch. Die Wirklichkeit selbst bleibt von dieser Rationalisierung unseres Weltbildes unberührt, ist in ihrem Ansich unerkannt und unerkennbar. Die konstruktiven Begriffe des Geistes trägen die Welt der Erfahrung, reichen aber nicht über die Welt der Erfahrung hinaus. In der sittlichen Einsicht gehört der Geist sich selbst. Die Forderung der sittlichen Vernunft steht nicht ohnmächtig den Trieben und Begierden gegenüber. In unserem Pflichtbewußtsein, in unserer