Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kants Bedeutung für das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 ■ . s a c h 1 i c h e Beziehung, die wir in unser Bewußtsein heben wollen. Es gehört zur rätselhaften Tiefe des Genies, daß nicht allein das W i e seines Schaffens ein unaufhellbares Geheimnis ist, sondern daß auch das Geschaffene, sein Lebenswerk unausschöpfbar ist, so daß die verschiedenen Zeitalter in dem Werk Verschiedenes als wesenhaft empfinden. So nannte Mendelssohn Kant den Alle s z e rm a 1 m e r und hatte dabei im Auge, daß Kant diejenige Metaphysik, die der wissenschaftliche Grund seiner Lebensanschauung war; und die Metaphysik schlechthin als wissenschaftlich unmögliches Begriffsgespinst abtat. Wir nennen Kant den Aufbauenden, weil wir ihm die entscheidende Begründung des sittlich-religiösen Weltbildes verdanken. Die mittelalterliche Welt, so fern sie unserm Empfinden und Denken liegen mag, hatte das Seltene und Große einer wirklich geschlossenen Einheit des Lebensbildes. Wie ihr die Erde der feste Mittelpunkt des Universums war, so war der Mensch Zielpunkt alles irdischen Geschehens. Die Ordnungen der Natur und die Gesetze des Menschenlebens waren ihr von Gott tief aufeinander bezogen. Alle Innerlichkeit des Glaubens und alle Erkenntnis der Vernunft bekräftigte diese gottgeschaffene Einheit der Welt. Gott selbst war höchste Offenbarungsgewißheit und Vernunfterkenntnis. In dieser Anschauung stimmten Judentum, Christentum, Islam überein, wie verschieden das System der Offenbarungsgewißheiten sich entfaltete und dem Leben seine Struktur gab. Hier bedeutet die Neuzeit einen fundamentalen Wandel. Nicht nur entzog sich das politische, wirtschaftliche, gesellschaftliehe Leben der Beherrschung durch die kirchliche Zentralgewalt und verwirklichte, seinen eigenen Gehalt. Der Mensch selbst entwuchs der Welt des י Dogmas, der übernatürlichen geoffenbarten Wahrheit, und schuf ein Weltbild, das er seiner Welterfahrung und seinem methodischen Denken verdankte. An Stelle des geschlossenen Weltbildes trat die Unendlichkeit des Universums, die Erde verlor ihre Mittelstellung und wurde zum Stern unter Sternen, teilnehmend an •ihrer Bewegung. Und die Gesetze dieser Welt haben keine; Zweckbestimmtheit mehr, sondern sind der Ausdruck logisch-mathematischer Beziehungen zwischen den Körpern, die aus mathematisch definierten Einheiten bestehen. So wurde1 die Welt zur großen Maschine ohne Beziehung auf das Wohl und Wehe des Menschen. Aber auch ohne Beziehung zu.seinen Idealen, seinem gut und böse, fromm und gottlos. Das Fühlen und Wollen des Menschen mit seinen religiösen r Ueberzeugungen