Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Hellenistica [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 285 (sequence 8)
- Language
- German
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285 gegangen ist, hat er seinen Verdiensten um die Phiionforschung ein weiteres sehr wesentliches hinzugefügt. Aber die besondere, Vorstellung, die sich B. von diesen Vorgängern macht, ist m. E. völlig falsch. Weil bei Philon ein ähnlicher quellenkritischer Befund vorliegt wie bei Clemens und letzterer von dem wohlbezeugten Betrieb der alexandrinikchen Katechetenschulen abhängig zu sein scheint, setzt B. die Existenz ähnlicher Schulen zur Zeit Phiions voraus — ohne den Schatten eines Zeugnisses oder mittelbaren Beweises! Philon redet öfter von der Erziehung. Besonders interessant ist Ueber die Einzelges. II, 230, weil in dieser Schrift das eigentümlich Jüdische stärker zur Geltung kommt als in den allegorischen Schriften. Und worin bestehen die ״Wohltaten“ der Eltern gegen die Kinder? ,,Dem Körper haben sie durch Turn- und Ringunterricht zu Stärke und Gesundheit . . . verholten, die Seele gefördert durch Grammatik, Arithmetik, Geometrie, Musik und den gesamten philosophischen Unterricht, der den im sterblichen Leibe wohnenden Geist emporhebt und zum Himmel hinanstreben läßt, dort ihm die glückliehen, seligen Wesen zeigt, Bewunderung und Sehnsucht weckend nach deren unwandelbarer, harmonischer Ordnung“. Also: die religiöse Unterweisung besteht in der Einführung in die ,,Physik“ (wir kommen auf diesen Begriff zurück!) und in den auf ihr aufgebauten, stoischen Gottesbeweis; von jüdischen Schulen ist nicht die Rede! Vielmehr kann an der Quelle, der Philon und seine Hörer ihr Wissen vom Judentum verdanken, kein Zweifel sein. Wo Philon von den Syn agogen spricht (Schürer II, 490, III, 139), kennzeichnet er sie durchweg in erster Reihe als Stätten der Belehrung durch religiöse (oder, wie er sie nennt, philosophische) Vorträge. Solchen Vorträgen dankt auch er (neben Unterhaltungen mit gelehrten Volksgenossen) seine exegetischen Kenntnisse. Daher die• Einseitigkeit, mit der er die — heim Gottesdienst verlesene — Thora bevorzugt: andere Schriften führt er kaum an; von den in ihnen erwähnten Personen sind wohl Gideon, Hanna und Samuel die einzigen, die er allegorisch deutet — während in Palästina, wo es ein Schulwesen gab, zwar der Zusammenhang zwischen Midrasch und gottesdienstlichen Perikopen, z. B. hei den Pesiktamidraschim, mit Händen zu greifen, aber namentlich in den ersten Teilen der Predigten Heranziehung der Propheten und ■Hagiagraphen üblich ist und schließlich sogar das Bedürfnis nach besonderen Sammlungen zu Psalmen und Megillot entstand. Bousset hat gegen diesen offenbaren Tatbestand nur den einen Einwand (44), das Material, das Philon von jüdischen Vorgängern übernommen habe, sei so massenhaft, daß man schriftliche Quellen annehmen müsse. Angenommen, dem sei so, dann ergäbe sich für die Existenz von Schulen noch immer kein Anhalt. Die der Therapeuten, die er S. 45 heranzieht, wurden nach Phiions klarem Zeugnis (De vita cont. § 29) Synagogen vor trägen zugrunde gelegt; ähnliches mag von Phiions eigenen Quaestiones und in der Hauptsache von den Midraschim gelten. Aber da Philon an den 9 Stellen, an denen er jüdische Vorgänger erwähnt (B. 44; Bröhier, Les iddes de Philon 55f.), nur in einer Weise redet, die mündliche Ueberlieferung nahelegt, ist überhaupt die Benutzung schriftlicher jüdischer Quellen in größerem Maßstab nicht wahrscheinlich1. Viel exegetisches Material, das sich beständig wiederholte (die Etymologien und die daran geknüpften Deutungen z. B.), konnte er gut im Kopf behalten. Weniger leicht wäre das bei einer zusammenhängenden Abhandlung über den \6ךog iojxsüs möglich gewesen, die er Quis rer. div. heres § 133 ff. und Quaest. in Gen. III § 5 exzerpiert. Aber der einzige Grund, deswegen B. 24, 3 für die gemeinsame Grundlage dieser Stücke eine jüdische Quelle fordert, ist die Bezeichnung des Heraklit als Schüler des Moses Quis rer. §214 und am Schluß des Stückes der Quaest., die nicht von Philon angefügt sein könne, da sie ״Phiions Eigenart nicht entspreche“; nun, gerade den Heraklit nennt Philon auch All. Erkl. I 10ל Schüler des Moses; und die zugrunde liegende Anschauung der meisten jüdischen Helle- 1 Ueberhaupt spielen mündliche Quellen in der Geschichte des jüdischen Denkens eine größere Rolle als man meist beachtet. Saadia, der die — erst nach seinem Tode niedergeschriebenen — Lehren der Lauteren Brüder kennt, ist ein lehrreiches Beispiel!