Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Sind die Falaschas Juden?
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829915-2829920-2831969--45455-2832021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 Priester (Kahen)kann jeder werden, der dazu Neigung hat. Diese Priester, die den Opferdienst versehen, sind teils verheiratet, teils leben sie unvermählt und sind Eunuchen. Nach dem biblischen Gesetze aber sind nur die Abkömmlinge Ahrons Kohanim (״Priester“), während in urisraelitischer Zeit die Erstgeborenen dieses Amtes walteten. Ferner verbietet die Tora, daß ein Mann zum Eunuchen gemacht werde und ein Priester, der Eunuch ist, Tempeldienste verrichte. Die Falascha-Priester bringen Tieropfer auf einem Steinaltar dar. Das Schlachten der Tiere, das bei ihnen wie bei den Mohammedanern Vorschrift ist, wird ebenfalls als Opfer bezeichnet, weshalb auch nach der Niederwerfung des Tieres Weirauch gestreut wird. Nach dem biblischen Gesetze durfte man nur im Tempel zu Jerusalem opfern (vgl. Jos 2210—2g; 1. Kön 1217־ Dt 125ff,). Die Gebetsrichtung der Falaschas ist der Westen, hingegen beten die Juden außerhalb Palästinas seit den ältesten Zeiten mit dem Gesicht nach Osten, wo einst das Allerheiligste lag (vgl. 1. Kön 848, Schir haschir. Rabba 44). Sowohl die Falaschas als auch die Abessinier beschneiden nicht nur die Knaben, sondern auch die Mädchen am achten Tage. Diese Operation wird von einer Frau mittels eines kleinen scharfen Messers vorgenommen. Die Excision der Mädchen, die dem Judentum vollständig unbekannt ist, findet sich aber bei verschiedenen primitiven Völkern. So kennen alle Agau-Neger diese Zeremonie. Es existiert bei ihnen das Totenfest (Teskar), an welchem jeder Gläubige aller seiner verstorbenen Verwandten und Freunde gedenkt. Ein junges Tier wird an diesem Tage geschlachtet, und je nachdem einer vermögend ist, wird das Mahl des Totenfestes üppig oder einfach bereitet. Am Schluß der Feier wird die Haut des geschlachteten Tieres den Seelen im Feuer geopfert unter allerlei Zeremonien und Gebeten. Das Schlußgebet beim Teskar heißt: ״Fetat“ und enthält die Bitte um Vergebung der Sünden der Verstorbenen. Diese Totenopfer, die bei vielen Völkern üblich sind, sind im Judentum streng verboten gewesen. Im Monat November haben die Falaschas den Fasttag A s t e r i o bezw. S e g d e t, der angeblich an die Klagen Jakobs um seinen verloreneri Sohn Josef erinnern soll. An diesem Tage werden pomphafte Tänze von Männern und Frauen aufgeführt, und am Abend streut jeder Getreide auf die Erde und die Strohdächer der Hütten. Dieses Fest, das auchrbei dem Negerstamme der Kamanten existiert, scheint ein altheidnisches, die Fruchtbarkeit fördernder Ritus, der bei verschiedenen Völkern vielfach mit Tänzen verknüpft war, zu sein. Von einem jüdischen Missionar wird es nachträglich mit einer biblisehen Begebenheit in Beziehung gesetzt worden sein. Der Sterbende wird von rituell unreinen Menschen aus der Familienwohnung in eine einsame Hütte außerhalb des Dorfes getragen, wo er seine Seele aushaucht und der Leichnam bis zum Begräbnis liegen bleibt. Dieser Brauch ist heidnisch und beruht auf der Furcht vor der Totenseele, die die Familienwohnung heimsuchen könnte, falls der Kranke in der Wohnung stirbt. Nach jüdischer Vorschrift hingegen darf man selbst das Kissen eines Sterbenden nicht wegrücken, da man hierdurch den Tod beschleunigen könnte. Bei