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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 242

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 242 (sequence 18)
Language
German
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einen Individualismus empfängt, dessen Offenbarung die Rücksicht auf die Einzelnen ist. Man vergegenwärtige sich nur jene strenge Warnung, welche die rabbinische Ethik gegenüber der leichtfertigen oder gar boshaften Beschämung eines Menschen auf richtet; eine Mahnung, welche in der bis auf den heutigen Tag noch immer geübten oder doch als Pflicht empfundenen überaus delikaten Behandlung Verarmter zum Ausdruck kommt. Indem so der Mensch, der einzelne Mensch in seiner Gotteskindschaft respektiert wird, ist der Ansatzpunkt gegeben, von dem her der Schritt zur Allheit der Menschen und der sie umspannenden Gesinnung mit wirklichem Erfolge gemacht werden kann. Von der Menschlichkeit, die in der Seele des Juden durch die Ueberzeugung von der Auserwähltheit seines Stammes die Liebe zum Nächsten erzeugte, zum praktischen Gedanken der menschheitumschlingenden Einheit! Das ist der Weg des jüdischen Universalismus, der darum sinnvoll und dauernd wirksam nur unter der Voraussetzung bleibt, daß das wesenhafte Selbstbewußtsein, das in der Empfindung der Zugehörigkeit zu dieser gotterkorenen Menschengemeinde ruht, nicht gelockert, sondern vertieft und in seinem echten Ertrage nutzbar gemacht wird. Nicht die Auslaugung des Jüdischen, die das Human- Universale als Rest zurückließe, ein Selektionsverfahren, welches das Charakteristische ausmerzt, kann uns frommen, sondern die lebendige Besinnung auf unser wahres Eigen, die in dem Kern der jüdischen Persönlichkeit das allgemeingültig Menschliche entdeckt. Ob diese Auffassung der religiösen und ethischen Gestimmtheit des Judentums universalistisch oder partikularistisch zu nennen ist, braucht uns keine Beschwerde zu machen. Wer sich aber bemüht, nach seiner Kraft zu erkennen, was ist, und nicht zu ersinnen, was sein könnte oder sollte oder möchte, wer sich bei der Erforschung jüdischer Dinge vom unbefangenen Blick auf dieseDingeselber leiten läßt, und nicht vomDiktat theologisch-christlicher Polemik, der wird beim bloßen Hören des Wortes von dem ,,beschränkten Nationalismus der jüdischen Religion“ nicht sogleich in blasse Furcht und Scham geraten ob der Minderwertigkeit seines Glaubens, der nun einmal tatsächlich auf den engen Bezirk stammlich verbundener Menschen begrenzt geblieben; sondern er. wird sich fragen, in welchem Sinne die Gegenüberstellung von partikularer und universaler Gesinnung überhaupt zu Recht besteht. Bei der Entfaltung dieses Problems scheint ein verhängnisvoller Irrtum unterlaufen, der mit der unerlaubten Vermischung von religiösen und sittlichen Motiven anhebt. Wohl hat es einen ganz klaren Sinn, von moralischem Universalismus zu reden. Er bedeutet einfach die Geltung des moralischen Gebotes gegenüber der Allheit der Menschen, wobei übrigens der Grundsatz: ״Charity begins athome“ nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil im Sinne der nur stufenweise zu verwirklichenden Allheit der sittlichen Gemeinschaft einbegriffen ist. Ein solcher ethischer Universalismus kann, die Frucht einer religiösen Ueberzeugung, wird die edle Blüte jeder hochgestimmten Frömmigkeit sein. Religion aber in ihrer ursprünglichen Kraft, in dem ihr eigenen von den moralischen Auswirkungen, will sagen, von den zwischen - m e n s c h 1 i c h e n Beziehungen,noch

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