Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 17)
- Language
- German
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Mi bedeuten, wurde den jüdischen Menschen, die. ihn ergriffen, zum ' einzigen Eigentum. Und von hier aus der Kraftquelle intensivster Erfüllung mit Gott, der nur als Einziger die Menschen so zu über־ wältigen vermochte, strahlt die praktische Wirkung aus. Wir glaubten, feststellen zu dürfen, daß die Wucht des religiösen Gemein־ schaftswillens im jüdischen Stamm einen besonders hohen Durch־ schnitt der moralischen Bewährung erzeugte, daß das Gebot der Nächstenliebe, im wörtlichen Sinn der Liebe zu den Nächsten, zu den Stammes־ und Glaubensgenossen in ausnehmend hohem Grade Erfüllung fand. Sicherlich ist das eine Wirkung des zum innerlichen Besitz gewordenen Gottes, dessen Vollkommenheit, Heiligkeit sich vor allem in dem den Menschen gegebenen Gebot bekundete. Erzog aber diese Gottesanschauung zu hoher Menschlichkeit, wurde es ihre reife Frucht, daß ,,die Kinder Israel Barmherzige und Söhne von Barmherzigen sind“, — dann ist es psychologisch unausbleiblich, daß das so rege und wirksam gewordene Gefühl der Humanität sich nicht auf den jüdischen Menschen begrenzte, sich vielmehr allen zukehrte. Denn Liebe, Gerechtigkeit, Güte, Hilfsbereitschaft, Mitleid, Erbarmen, sie lassen sich, wo sie wirklich vorlianden sind, praktisch gar nicht in irgend welche Grenzen einsperren. Die Menschen lassen sich nicht zn Liebe gegen den Volksgenossen und zu Haß gegen den Feind erziehen; sondern bewähren sich als mit Menschlichkeit oder mit Unmenschlichkeit erfüllt gegenüber allen. Damit wollen wir nicht etwa vor den offenkundigen Unmenschlichkeiten des religiösen und nationalen Chauvinismus und Fanatismus uns die Augen verschließen, von denen ja gerade Israel ein Lied zu singen weiß; sondern wir meinen, daß, wo die Religion mit so hohem Erfolge wie im Judentum den Menschen den Gedanken der Auserwähltheit durch Gott einzugraben verstand und als seine reife Frucht tatsächlich starke sittliche Bewährung, ein veredeltes Menschentum ausbildete, die Ausstrahlung solchen erhöhten seelischen Wesens nicht an den Mauern der eigenen Gemeinde zurückprallte, vielmehr zu einer echt humanen sich ausweitete. Das Judentum bildete in dieser Hinsicht einen Menschentypus aus, wie er uns sonst vielleicht am ehesten in den kleineren protestantischen Sekten begegnet. Wie läßt sich also das Verhältnis von Partikularismus und Universalismus in der jüdischen Religion auf eine klare Formel bringen, wie die Menschheitsbedeutung in der nie vom Stammesgefühl abtrennbaren Religiosität in ihrem echten Sinn aufzeigen? — Wir halten es — wie gesagt — für zwecklos, durch eine Statistik der so oder so gefärbten Stellen in den literarischen Urkunden etwas Entscheidendes zur Antwort beitragen zu wollen; nur das, was sich als selbsterfahrener oder nachempfindend gedeuteter Niederschlag der Ergriffenheit durch die jüdischen Impulse ergibt, kann hier aufhellen. Und das zeigt, wiei sich aus der religiös gegründeten Stammes- Solidarität als praktisch sittliche Konsequenz eine Hochweitung der individuellen Persönlichkeit ergibt; eine derartige Ehrfurcht vor der Würde des Menschen, Scheu vor seinem mit ihm geborenen Recht und intensives Gefühl der eigenen Verpflichtung in bezug auf den andern, daß jene Gemeinbürgschaft ihren erfüllenden Sinn erst durch Monatssdirift, 57. Jahrgang. 17