Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 19)
- Language
- German
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■248 unterschiedenen Sinn bleibt die Gegenüberstellung von Mensch und Gott, das Begnadet-Ergriffenwerden des Menschen durch Gott. Die Frage, wie das Verhältnis zwischen den Menschen sich gestaltet, ist nur etwas Abgeleitetes, nicht einmal zwingend in ihrer Urbedeutung Mitgesetztes. Zum Greifen deutlich wird diese Auf- Fassung in der mystischen Hingebung bestätigt, in welcher die Rücksicht auf den andern Menschen völlig schweigt und die Aufsaugung der eigenen Seele durch das Unendliche den ganzen Inhalt bildet. Daß sich hieraus abgeleiteter Weise bestimmte Verhaltungsregeln im sozialen Verkehr ergeben können, dessen Voraussetzung, die Vielheit der Menschen, nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen, versteht sich von selbst. Aber die Wegrichtung dieser und jeder Religiosität ist eine andere. Wie bestehe ich vor Gott? ist ihre Frage. Wie erhalte ich, der Erwählte, der von ihm Berufene, mir seine Gnade? Warum ich erwählt worden bin, warum seine Gnade sich gerade auf mich herabgesenkt hat, und nicht auf die andern, oder ob diese nicht in gleicher Weise ihrer gewürdigt sind — das mag Gegenstand weiterer Reflexion sein, in der Ur- Off enbarung liegt es nicht. Gerade das Bewußtsein des Judentums, das als Stamm, als Same Abrahams seiner Begnadung inne ward, bietet so eine klare Illustration dessen, was Erwachen des religiösen Geistes überhaupt bedeutet. Sein ״Partikularismus“ ist nur ein Sonderfall derjenigen Eingrenzung, den die Kraft des Religiösen stets zu umschreiben liebt, ein eigentümlicher gewiß, ethnisch gefärbter, aber in dieser Einengung die volle Wucht des religiösen Motivs bewährend. Europäische Beurteiler des Buddhismus haben, ihren Blick von westlichem Fanatismus und priesterlicher Proselytenmacherei abkehrend, die lächelnde Gelassenheit wohltuend empfunden, mit welcher die Frömmigkeit Indiens freudig und sicher im eigenen Grunde ruhend, sich niemandem anpreist noch anbietet. Ihre ethischen Ausstrahlungen kommen allen zugute, die in ihren Kreis treten; Lehre und Glauben mögen zu gewissen Zeiten propagiert werden, wie es vom Stifter selbst und seinen Aposteln geschah; aber niemand wird verfemt, niemand gebannt, der ihnen ferne bleibt. Das Judentum hat gewiß sehr wenig Aehnlichkeit mit der Geistesart des Gautama und seiner Jünger; aber dieses selbstgewisse Ruhen im Eigenen, sein religiöses Sichselbergenügen, die Selbstgewißheit, die kein Bedürfnis erzeugt, in eine rage de nombre zu verfallen und sich durch Gewinnung einer zahlreichen Anhängerschaft einen ״Beweis“ von seinem Recht vorzudemonstrieren, soll ihm niemand zum Tadel anrechnen, am wenigsten ein Jude, aus Furcht, eine Religion genüge anders nicht der Forderung des ״Universalismus“. Dieser ist, wie gesagt, eine ethische, keine religiöse Angelegenheit, ferner eine Sache theoretischer Weltanschauung, des Kampfes um die richtige Metaphysik, nicht eine Eigenheit des religiösen ״Lebens“. Seinem Gebot, das ein ernstes, nicht zu umgehendes ist, genügt das Judentum durch die sittlichen Antriebe, welche die Früchte seines Gottesgefühls sind. Wir können für ihre Beurkundung nichts Besseres als die biblischen Erzählungen von der Schöpfung und vor allem jene großartige Rede Amos 13—216 anführen, da der Prophet allen Völkern ringsum ihre Sünden vor Augen hält, die Moabiter m