Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 240 (sequence 16)
- Language
- German
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Israels wie eine Schale gestülpt und dabei gesagt : Nehmen sie das Gesetz an, so ist es gut, wenn nicht, dann sollen sie hier ihr Grab finden. Oder: Als Gott die Welt schuf, schloß er mit. den Naturkräften einen Vertrag: wenn die Kinder Israels die Thora annehmen, dann sollt ihr fortbestehen, wenn nicht, dann soll das Chaos wiederkehren. Ist der offenkundige Sinn solcher symbolischen Legenden auch zuerst darauf gerichtet, die sittliche Offenbarung als den Endzweck des Universums hinzustellen, die Natur lediglich als Schauplatz und Feld der Bewährung des heiligen Gebotes, so geht andererseits aus der Form deutlich hervor, daß die Thora, für welche die sichtbare Schöpfung nur das Mittel ist, zu ihrem Empfang und ihrer Erfüllung auf Israel angewiesen ist. Beide gehören zusammen: Israel ist auserwählt, weil es die göttliche. Offenbarung empfangen hat, und es empfing sie, weil es auserwählt ist. Ursache und Wirkung lassen sich hier nicht rein scheiden. Es bleibt uns, nach dieser Charakterisierung der eigentlichen Natur des ,,Nationalen“, wie sie sich im Selbstzeugnis der jüdischen Religiosität spiegelt, noch ein Rest zu erledigen: Was heißt Universalismus in der Frömmigkeit, was fordert er vom Menschen und wie löst das Judentum das in diesen Fragen gestellte Problem? Um der Wahrheit in diesen Dingen nahezukommen, muß man sich — wie von uns schon da und dort angedeutet — den Doppelsinn des monotheistischen Gotteserlebens klarmachen, wie ihn das Judentum darstellt. Wenn irgendwo, hat man sich hier scharf davor zu hüten, aus der Formulierung rationaler Gedanken logisch sicherlich haltbare Forderungen herauszuspinnen, die nur das Gebrechen haben, für die Welt der erlebten Wirklichkeit irrelevant zu sein. So wahr es ist, daß der Glaube an Dasein und Waltung eines einzigen Gottes, dem alle Menschen zu eigen sind, den Gedanken von der einen alle umfassenden Menschheit zur Reife bringen kann, das heißt die Idee der universellen Liebe und Gerechtigkeit, so gewiß dem höchsten Wesen, das als allwaltender Völkerhirt und gerecht gütiger Vater empfunden wird, die Lehre von der alle umspannenden Brüderlichkeit entspricht, so ist doch der praktisch sittliche Universalismus des Judentums — seiner Seele selber bewußt — weniger diesen Weg der abstrakten Konsequenz geschritten, als jenen anderen, der sich von der ihm anerzogenen M e n schlichkeit her bahnte. Und das ist die Doppelwirkung des jüdischen Monotheismus, der — wie man sagen kann — einen extensiven und ״einen intensiven Sinn hat. Jenen, sofern er Götzenwesen und Aberglauben, Heroenvergötterung und Macht-־ anbetung durch den Gedanken von dem Einen an der Wurzel abtötet, sofern er Dualismus und Teufelswahn und alle Ausgeburten mythologischer Phantasterei in ihre Schranken weist, weil nur dem Einen alle. Ehre gebührt; d i e s e n , indem er im jüdischen Bewußtsein, so lange es unverwirrt blieb, eine Hingebung an das Göttliche, eine Uebermacht des Religiösen schuf, wie sie sich vielleicht noch in der Stiftungs- und Heldenzeit manch andern Glaubens oder Bekenntnisses, nie aber bei einem ganzen zahlreichen Stamm auf Jahrtausende ,seiner Geschichte hinaus offenbart hat. Der Gott, für dessen Größe alles Sein gerade ausreichte, um ein seiner würdiges Besitztum zu