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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 238

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
67 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1923-01-01
Page
Seite 238 (sequence 14)
Language
German
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238 Differenzierung und Individualisierung sind Begriffe, die einen ■ genauen Sinn freilich erst erhalten, wenn der Zielpunkt oder die; Richtung dieser Prozesse angegeben sind. Wenn wir darum sagen, daß wir die jüdischen Menschen im Verhältnis zu ihrer Umgebung für in sich gesonderter, eigenartiger zu finden glauben, so ist damit bloß auf den Rahmen hingezeigt, der zur: Aufnahme konkreter Inhalte der Differenzierung, bereit ist. Darauf wollen wir nicht eingehen. Uns kommt es nur auf den Hinweis an, daß jüdisches Menschentum, wie es sich der Empfindung eines Beobachters darbietet, einen besonderen Abstand von Herdentum zu haben scheint, daß in merk- Gegensatz zu der so stark ausgearbeiteten Eigenheit des Ganzen ein erstaunlicher Reichtum an persönlicher Gesinnung und {■■־:־׳; individuellen Ueberzeugungen auf den verschiedensten Lebensgebieten gerade hier angetroffen wird. Darin soll keineswegs ein uneingeschränktes Lob liegen. Hat doch die ganze Misere von Parteiung und Zerklüftung, welche die an Zahl oft so geringen landsmannschaftliehen Gruppen in der Regel plagt, in dieser Halsstarrigkeit ihre wichtigste Quelle. Ebenso haben Ungläubigkeit, Skepsis und allerlei! destruktive Tendenzen, die nicht immer mit Unrecht gewissen Kreisen des von seiner geistigen Grundlage losgerissenen Judentums der Emanzipation nachgesagt werden, zum Teil sicherlich auch da ihren Grund, daß eine weitgetriebene Individualisierung jedwede Ein- | ■ Ordnung in die soziale Verfassung objektiver Ideen verhindert. Und ן auch das auf bauend Revolutionäre, der positive Radikalismus, der j so viele Juden in Politik und Gesellschaftsgestaltung, in Wirtschaft- I; licher Arbeit und Kunstschaffen beseelt, muß — natürlich abgesehen | von noch vielen anderen dabei mitspielenden, auch religiösen — iV-v.' Motiven dem Subjektivismus zugeschrieben werden, zu dem gewisse [| Ausstrahlungen seiner Frömmigkeit den Juden erzogen haben. Gewiß darf man nicht vergessen, daß geistige Erscheinungen von j solcher Verwickeltheit, wie das Wesen des jüdischen Geistes, Resultate f zahlloser innerer wie äußerer Faktoren sind. j:^ Das Gefühl der besonderen Gottesnähe ist ein zweischneidiges J Schwert. Das hat sich in der jüdischen Geschichte schon in jenen | Tagen gezeigt, da der Gott des Propheten Arnos mahnte: ״Nur Euch l kenne ich von allen Geschlechtern des Erdreichs. Darum ahnde ich : an Euch alle Eure Missetaten.״ Immer bleibt die Gefahr eines reli- ן giösen Chauvinismus latent, wenn im Zentrum des religiösen Gefühls I das exklusive Bewußtsein einer einzigartigen Beziehung zu Gott liegt. | Diese Klippe ist nicht immer vermieden worden. Daß das Hochj gefühl der Auserwähltheit zu gewissen Zeiten starre Ablehnung alles! Fremden, über-selbstbewußte Geringschätzung des anderen Geistes j bewirken mußte, liegt auf der Hand. Aber es mag dahingestellt jj :־ bleiben, ob nicht die Selbstgerechtigkeit die psychologisch unausbleibliche Folge jedes monotheistischen Glaubens an die ausschließliche Richtigkeit der eigenen Gottesauffassung ist. Sobald Religion wahre | Erkenntnis des Seins, genaues Ergreifen der aus dem echten Sinn I des Lebens sich ergebenden Forderungen ist, wird zumindest theoretische Intoleranz unvermeidlich. Wie aber aus dieser sich auch die praktische Unduldsamkeit ergibt, das hat ja keine Gemeinschaft am! eigenen Leibe schlimmer erfahren müssen als die jüdische. Die Ent-

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